In jenerZeit sah Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, um Israel mit ihm bekanntzumachen. Und Johannes bezeugte: Ich sah, daß der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. Das habe ich gesehen, und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes. Joh 1,29-34)
Wissen sie, wie einen Esel, der keinen Durst hat, trotzdem zum Trinken bewegen kann? Soll man es mit einem Stock versuchen? Das würde einen Esel wenig scheren. Soll man ihm Salz zu schlucken geben? Das wäre Tierquälerei. Aber wie ihn dann dazu bringen, freiwillig zu trinken? Es scheint nur eine Lösung zu geben: Man muss einen durstigen Esel herbeischaffen, der ausgiebig, mit großem Genuss und Behagen an der Seite seines Artgenossen aus dem Eimer trinkt. Aber ohne jedes Theater, einfach, weil er Durst hat, einen großen unstillbaren Durst. Das wird seinen Eselkollegen nicht unbeeindruckt lassen. Die Lust wird ihn packen, selbst das Maul in den Eimer zu stecken und in tiefem Zug das erfrischende Wasser zu schlürfen. So erzählt uns eine kleine Parabel. Und der Erzähler endet: "Menschen, die Hunger und Durst nach Gott haben, sind für ihre Mitmenschen eine bessere Predigt als viele erbauliche Reden."
Alle Menschen haben Hunger und Durst. Ich meine hier einen anderen Hunger und Durst. Nicht Hunger auf einen knusprigen Schweinebraten, nicht Durst auf ein schönes Glas Bier oder Wein - das alles darf sein, doch das meine ich jetzt nicht.
Haben wir eigentlich, habe ich noch einen Durst und einen Hunger, die tiefer in uns bohren, die uns unruhig werden lassen, die uns auf die Suche schicken? Haben wir überhaupt noch Sehnsucht? Sehnsucht nach Glück, nach Lebendigkeit, nach Erfüllung - Sehnsucht nach Gott? Viele Menschen haben keine Sehnsucht, weil sie meinen, schon alles zu haben, bzw. hier auf dieser Welt erreichen können.
In Johannes dem Täufer begegnet uns so ein durstiger, ein hungriger, ein sehnsüchtiger Mensch. Er ist fast so etwas wie ein Symbol für Hunger, Durst und Sehnsucht: gekleidet nur in ein Kamelfell, ernährt er sich nur von Heuschrecken und wildem Honig und vom Wasser des Jordan. So steht er in der Wüste, im dürren, lechzenden Land, um mit seinem Finger, mit seinen Worten auf Jesus und Gott zu weisen. Er geht nicht zu den Menschen, in ihre Dörfer und Städte, sondern er bewirkt, dass sie sich zu ihm auf den Weg machen, in die Wüste, das Land des Hungers und des Durstes. Er bewirkt, dass sie zu ihm kommen, hinaus in die dürre Landschaft, und sich durch ihn, Johannes, hinführen lassen zu ihrem eigenen Durst, zu ihrem eigenen Hunger, zu ihrer tiefen Sehnsucht. Johannes behauptet nicht von sich, dass er den Menschen irgendetwas zu geben habe, das ihren Hunger stillen könnte. Er gibt nicht vor, selbst der Retter zu sein. Seine Aufgabe ist es, die Menschen um ihn herum mit seinem eigenen Durst, mit seiner eigenen Sehnsucht anzustecken und dann auf den zu weisen, der Durst und Sehnsucht zu stillen vermag: "Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt, seht Gottes Sohn!"
Denken wir noch einmal an unseren Esel vom Anfang: Man gebe ihm einen zweiten durstigen Esel an die Seite, und schon wird er seinen eigenen Durst spüren und wie jener trinken. Wir sehen und spüren immer schmerzlicher in unseren Gemeinden, dass immer weniger Menschen den Weg in unsere Kirchen und Gemeindehäuser hineinfinden. Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, junge Familien suchen nichts mehr bei uns, weil sie offensichtlich auch nichts mehr bei uns erwarten. Was ist es, was uns selbst daran festhalten lässt: ja, hier bin ich richtig, hier finde ich, was ich zum Leben brauche? Was ist es, was mir Antwort gibt auf meine Sehnsucht? Was ist es, dass ich meinen Lebensweg mit Gott und mit anderen Gläubigen gehen möchte "Alles beginnt mit der Sehnsucht" - so hat die Dichterin Nelly Sachs einmal gesagt. "Alles beginnt mit der Sehnsucht" -
Sehnsucht ist der Anfang von allem, der erste Schritt, der mich losgehen lässt, der mich neugierig macht, der mich auf die Suche schickt. Und der mich dann hoffentlich auch den entdecken lässt, der mir Antwort gibt auf meine Sehnsucht, der mir nicht weniger zu bieten hat als ein Leben in Fülle. Vielleicht kann uns das Evangelium heute auf eine neue Spur bringen, nämlich die, dass wir nicht schon für alles eine Antwort haben müssen, sondern dass wir jemanden haben, dem wir unsere Fragen stellen dürfen; dass wir nicht satt und zufrieden sein müssen, sondern dass wir jemanden haben, dem wir unseren Hunger und Durst hinhalten können; dass wir nicht unter dem Druck stehen, mit allem müssten wir gut klarkommen, sondern dass wir jemanden haben, dem wir unsere Not anvertrauen können. Wir haben jemanden; wir haben Jesus an unserer Seite, ihn, auf den Johannes heute so überdeutlich zeigt: Seht, schaut hin - das Lamm Gottes, Gottes Sohn.
Wir haben jemanden; wir haben Gott in unserem Leben, der uns kennt, der um uns weiß, der für uns sorgt.
Gehen wir doch in der kommenden Woche einmal ganz bewusst unserem Hunger, unserer Sehnsucht nach. Und richten wir sie ganz auf unseren Gott, den Lebendigen, vielleicht indem wir uns die Worte eines Beters aus dem Alten Testament zu Hilfe nehmen: "Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott." (Ps 42).
Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist - amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen. Mt 10,37-42
Ein provozierendes Evangelium!
Menschen verachten, um Gott zu preisen? Ich gestehe offen: Dieses Evangelium provoziert mich seit langer Zeit sehr. Ist das nicht so zu verstehen: Wir sollen Vater, Mutter, Sohn und Tochter schön beiseite schieben und ja darauf achten, Gott die Ehre zu geben? Was ist das für ein egoistischer Gott, der so auf seine Ehre durch uns Menschen aus ist? Hört sich das nicht so an, als ob wir uns unbedingt ein großes Kreuz suchen und es hinter Jesus herschleppen müssten, sonst sind wir keine richtigen Christen? Wir sollen auch noch das Leben um seinetwillen wegwerfen. Warum denn? Sind wir doch froh, dass wir leben dürfen!
Dieses Evangelium kann wirklich schnell in den falsche Hals kommen, missverstanden werden und zu Reaktionen führen, wie ich sie eben skizziert habe. Oder man kann es auf die Priester und Ordenschristen beziehen, die ja angeblich alles loslassen sollen.
Wir Menschen sollen weder Vater noch Mutter, noch Tochter und Sohn über Gott erheben, keinen von ihnen zu unserem Gott machen, vergötzen.
Ich glaube, zur Zeit Jesu war die Gefahr größer, dass manche Eltern wie ein Gott vor ihren Kindern aufgetreten sind, so von ganz oben herab. Hie und da kann es das auch bei uns noch geben. Aber bei uns ist oft mehr das Umgekehrte der Fall: Kinder, Söhne und Töchter werden von den Eltern wie kleine Gottheiten verehrt. Für sie ist nur das Allerbeste recht genug. Die Kinder sollen es einmal besser haben wie wir. Alles, was sie wünschen, muss ihnen sofort in Erfüllung gehen. Wehe, wenn sie einmal jemand - ein Lehrer zum Beispiel - härter anfasst. Das ist mein Kind! Was unterstehen sie sich!
Ob wir unseren Kindern tatsächlich so viel Gutes tun, wenn wir sie zu kleinen Menschengöttern machen? Machen wir sie damit nicht unfähig für das Leben? Ich glaube auch nicht, dass wir uns eigens einen große Kreuzbalken suchen und ihn sichtbar einen Kreuzweg schleppen müssen. Auch glaube ich nicht, dass wir das Leben wegwerfen oder gering achten sollen.
Ob nicht dieser Ausdruck "das Leben gewinnen" eher bedeutet: das Leben selber machen, planen, verplanen, so in die Hand nehmen, wie ich das will, selber verfügen über das Leben, keine anderen Kräfte und Geheimnisse mehr akzeptieren wollen. Wer so mit dem Leben umgeht, der wird wohl damit rechen müssen, dass er am Leben vorbeigeht oder zerbricht.
Der Satz "Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf. Wer einen Propheten, einen Gerechten, einen Kleinen aufnimmt, der nimmt mich auf", dieser Satz ermutigt mich, dass ich das Evangelium so verstehen darf: Wer seinen Vater, seine Mutter echt liebt, schätzt, achtet, der liebt in ihnen Gott. Wer seine Tochter, seinen Sohn liebt, auch innig liebt - der liebt in ihnen Gott. Jemanden vergötzen, zu einem Gott machen, das ist etwas ganz anderes. Das hat nichts mit Liebe zu tun. Von daher verstehen wir auch besser das erste Gebot: Du sollst keine fremden Götter neben mir haben.
Wer seinem Mann, seiner Frau in Liebe und Treue begegnet, der liebt im Partner Gott. Ihre Liebe ist ja im Sakrament der Ehe geradezu Zeichen für die Liebe Gottes zu den Menschen. Und wer einfach all das Schwere, das so im Alltag daherkommt, annehmen kann, tragen und durchtragen kann, sich nicht davonstiehlt, der trägt auch am Kreuze unseres Herrn mit. Wir brauchen uns beileibe kein Kreuz suchen. Wir haben genug selber auf dem Buckel und können genug mittragen an den Kreuzen anderer.
Einen Propheten aufnehmen, heißt für mich, wirklich hinhören, wenn ich bei einem Menschen das Empfinden habe: Der sagt, wie es tatsächlich ist, der sagt die Wahrheit. Vom hl. Irenäus stammt das Wort: "Die Ehre Gottes, das ist der lebendige Mensch." Das heißt für mich: Wenn es dem Menschen gut geht, dann geht es auch Gott gut. Er freut sich also, wenn es uns gut geht. Und genau das ist die Ehre Gottes. Wie sich auch Vater und Mutter freuen und es ihnen damit gut geht, wenn es den Kindern gut geht.
Unser Gott ist nicht einer, vor dem wir zittern müssten, der nur darauf aus ist, dass wir ihn ehren, preisen, loben, ihm dienen. Das wäre ein unerträglich selbstsüchtiger Gott. Ganz im Gegenteil. Wenn wir also einen Menschen echt lieben -Vater, Mutter, Sohn, Tochter, einen Propheten, einen Gerechten, einen Kleinen, dann ist das Ehre Gottes. Ist das nicht ein großartiger Gott, an den wir Christen glauben dürfen. Ein Sonntag wie heute macht uns das wieder neu bewusst.
Ich erinnere noch einmal an den spontanen ersten Gedanken vom Anfang: Ein Gott, der so was verlangt - Vater, Mutter verlassen um seinetwillen, Kreuz auf sich nehmen usw. - das muss ein sehr egoistischer Gott sein, mit dem ich nichts zu tun haben will. Heute bin ich froh, dass ich diese ganz andere Seite Gottes in diesem Evangelium entdecken durfte. Ich wünsche auch Ihnen allen, dass sie in diesem Evangelium die Größe Gottes und die Größe des Menschen entdecken dürfen. Die Ehre Gottes, das ist der lebendige Mensch!
Lob des Ungehorsams
Sie waren sieben GeißleinFranz Fühmann
Viele Väter und Mütter, Lehrer und Erzieher werden diese Erzählung als unbequem empfinden. Sie leuchtet zwar ein, aber sie passt nicht recht in das pädagogische Konzept. Ja, wo kommen wir hin, wenn wir solchen Gedanken nachlaufen oder sie gar propagieren ? Geht dann nicht alles in der Welt drunter und drüber, wenn jeder tut, was er will? Sollte man eine solche Geschichte nicht besser totschweigen?
Es hat Zeiten gegeben, da haben Vorgesetzte von ihren Untergebenen "blinden Gehorsam" verlangt. (Was sage ich hat , wenn ich mir die Diskussionen, bzw. von beendeten Diskussionen anschaue und anhöre?) Man sollte dem Vorgesetzten, dem Führer, ein solch uneingeschränktes Vertrauen schenken, daß bei allen Anordnungen das Hinsehen und Überprüfen sich erübrigen konnte. Der Vorgesetzte beanspruchte das Recht, für seinen Untergebenen mitzudenken und genau zu wissen, was das Richtige für ihn sei.
Manchmal wurde sogar von "Kadavergehorsam" gesprochen: Der Zu-Gehorchende galt nichts, er hatte meinungslos zu sein, er war wie tot, und ein Toter kann nicht denken und entscheiden. "Das Denken überlassen Sie gefälligst uns."
In Deutschland hat es eine unselige Zeit gegeben, in der viele Menschen gerufen haben: "Führer befiehl, wir folgen!" Sie haben von sich aus ihre Gehorsamsbereitschaft angeboten und auf kritisches Hinterfragen der Führerbefehle verzichtet. Das war auch bequemer so. Dem Volk jedoch ist diese unkritische Einstellung zu seinem Führer bekannterweise nicht gut bekommen; das Ende war Verbrechen, Elend und Untergang.
Es sind aber nicht immer Maschinengewehre, Folter und Konzentrationslager, die Gehorsam erzwingen. Heute sind viel subtilere Formen entwickelt: öffentliche Meinung, Presse, Rundfunk und Fernsehmonopole, heimliches Abdrängen in die Randgruppe, gesellschaftlicher Druck. Da heißt es ganz unverfänglich "man" oder "frau" tut das eben so. Das fängt schon an bei der Mode bis hin zu ganz persönlichen Lebensentwürfen. Zu Tausenden laufen vor allem junge Menschen den vielen Sekten nach. Der einzelne Mensch merkt gar nicht, in welche Richtung er gedrängt und manipuliert wird. Die "geheimen Verführer" sind am Werk und erschleichen sich den Gehorsam ihrer "Objekte". Gehorsam ist hier so selbstverständlich, so angenehm und bequem; er wird gar nicht als etwas empfunden, was den eigenen Gedanken und Plänen zuwiderläuft. Alle Äußerungen der Meinungsbildner werden als mit der eigenen Meinung übereinstimmend, konform empfunden. Man gehorcht dem, man tut das, was alle tun. Von daher sind auch die "restaurativen Tendenzen" in unserer Kirche zu verstehen. Man/frau will nicht denken, will keine Verantwortung übernehmen. Es ist bequemer so. Und dann schwärmen sie von der "guten alten Zeit".
Das eingangs vorgetragenen Gedicht, das uns wohl bekannt ist aus dem Märchen der "Wolf und die sieben Geißlein" trägt die Überschrift: "Lob des Ungehorsams"
Ungehorsam sein kann heißen, aus der Solidarität mit anderen ausbrechen, gegen den Strom schwimmen. Ich möchte an dieser Stelle ganz bewusst auch auf die "Tugend des Ungehorsams" pochen. Es kann auch eine Pflicht zum Ungehorsam geben. Petrus drückt dies so aus: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. (Apg 5,29). Konflikte werden hier angedeutet. Das kann bisweilen schmerzhaft, ärgerlich und verletzend sein. Aber, so fragen viele: Warum soll man sich einen solchen Ärger auf den Hals laden, den dieser berechtigte Gehorsam bringt? Es ist oft leichter, gehorsam zu sein. Und schließlich: ohne Gehorsam geht es nun mal nicht; das gilt für den pädagogischen Bereich und den religiösen Bereich, den Menschen und Gott gegenüber. Aber was heißt eigentlich: Gehorsam wirklich?
Hören lernen
Er ist für mich als eine christliche Tugend auf dem Weg vom Versprechen zum Tun im Alltag ganz wichtig. Leider hat diese Tugend aus oben erwähnten und anderen Gründen in unserer Zeit einen fauligen Beigeschmack bekommen. Jeder weiß, wie sehr mit der Berufung auf den Gehorsam Missbrauch betrieben wurde. Und dennoch steckt in diesem Wort mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Im Gehorsam steckt das Wort hören. .
Wir sind es gewohnt, selbst zu reden und unsere Worte für wichtiger zu halten als die der anderen. Wenn ich mich nach einem Gespräch nur an das erinnern kann, was ich selbst erzählt habe, dann war ich offenkundig ein schlechter Zuhörer. Leider gibt es heute nur wenig gute Zuhörer. Viele Menschen kommen zu mir in den Beichtstuhl und sagen zum Schluss: "Danke, daß Sie mir zugehört haben." Wer nimmt sich denn heute noch Zeit, jemanden zuzuhören? Gehorsam bedeutet für mich an erster Stelle, mich in die Haltung eines Menschen einzuüben, der hören kann. Hören auf Gott, hören auf die Mitmenschen, hören auf die "innere Stimme", hören auf das, was mein Leib mir sagen will.
Diesen Gehorsam kann man auch lernen, indem man/frau versucht, ihn einzuüben. Er hilft mir, daß aus der Spannung zwischen dem Anspruch meines Glaubens und der Wirklichkeit meines Lebens kein Gegensatz wird. Ich möchte drei Übungen zum Gehorsam vorschlagen:
1. Übung: Auf Gott hören
Es ist wichtig, sich täglich von Gott ansprechen zu lassen. Es gibt viele Möglichkeiten, die sich ganz nach unserer Lebenssituation richten können. Auch wenn jemand wenig Zeit hat, so kann er oder sie doch den Spruch aus der Heiligen Schrift, der auf dem Kalender steht, lesen und einige Minuten darüber nachdenken. Vielleicht kann das Evangelium vom Sonntag zum Begleiter für die Woche werden. Ich lese den Schrifttext und lasse ihn auf mich einwirken. Ich denke darüber nach, was er mir in meiner Situation sagen kann. Ich werde still. Ich spreche ein Gebet. In dieser schlichten Form der Schriftmeditation werde ich ganz ein Hörender. Und es ist schön, auf die Stimme Gottes zu hören. Wann habe ich zuletzt eine Bibel in der Hand gehabt? -
2. Übung: Aufeinander hören
Der heilige Benedikt empfiehlt in seiner Regel den Mönchen, sie sollen einander in aller Liebe und mit Eifer gehorchen. Aufeinander hören beginnt damit, den anderen zu Wort kommen zu lassen, ihm wirklich zuhören zu wollen. Aufeinander hören bedeutet darin, über die Gedanken des anderen nachzudenken.
Vielleicht hat er mir auch etwas zu sagen, das mich weiterbringt aber auch stört. Wie viel können wir voneinander lernen! Wenn das eine bewusste Haltung unserer Persönlichkeit wäre, hätte das nicht nur positive Auswirkungen auf unser Zusammenleben, sondern auch auf unsere persönliche Entwicklung. Wenn ich auf den anderen höre, nehme ich mich selber zurück, damit einer meiner Mitmenschen Raum in mir gewinnt. Und nicht selten kann ich dabei die Erfahrung machen, daß mich das verändert und bereichert.
3. Übung: Auf die "innere Stimme", auf meinen Leib hören
In der dritten Übung geht es darum, sich selbst gegenüber gehorsam zu sein. Konkret geht es darum, auf meine "innere Stimme" und auf meinen Leib zu hören. Es muss nicht erst eine Krankheit sein, die mich wieder sensibel macht für die Sprache meines Leibes. Es gibt auch andere Anzeichen: Nervosität, Verspannung, Kopfschmerzen und anderes können mich darauf aufmerksam machen, daß irgendetwas nicht stimmt. Und zwar nicht nur mit meinem Leib, sondern auch mit meiner Seele. Umgekehrt empfiehlt es sich, beizeiten Entspannung einzuüben, eine Pause einzulegen, sich Zeit für einen Spaziergang und zum Nachdenken zu nehmen. Wenn ich mich selbst blockiere, kann ich auch kein Hörender sein im Umgang mit meinen Mitmenschen und mit Gott.
Zum Hören auf meinen Leib nehme ich noch das Hören auf meine "innere Stimme" , auf meine Intuition, dazu. Es lohnt sich, die "innere Stimme" bewusst wahrzunehmen. Oftmals regen sich bei einer Begegnung oder vor einem Ereignis intuitive Wahrnehmungen, die uns erst später bewusst werden. Mir scheint, in unserem Inneren sind wir wesentlich sensibler und wahrnehmungsfähiger, als unser Verstand und unser Bewusstsein uns glauben machen wollen. Manche Übungen, wie z. B. ein Tagebuch zu führen oder sich schreibenderweise über eine Situation klarzuwerden, können helfen, der "inneren Stimme" zum Durchbruch zu helfen. Im Evangelium hörten wir von dem Sohn, der die Bitte seines Vaters, im Weinberg zu arbeiten, hört und bejaht, dann aber doch nicht hingeht. So wie der Sohn sein "Jawohl, Herr" sagt, so sagen wir doch in unseren Gottesdiensten auch immer wieder "Amen" so sei es. Und wie bei dem Sohn kennen wir die Gefahr, daß es beim bloßen Bekenntnis bleibt.
Die Tugend des Gehorsam, die Haltung des Hörens möchte die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Wort und Tat überwinden helfen. Das Ziel ist die Tochter oder der Sohn Gottes, welche ja sagen und den Willen des Vaters in einem Leben aus dem Glauben auch tun.
Dann wird es mit dem Himmelreich sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen. Fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl, die klugen aber nahmen außer den Lampen noch Öl in Krügen mit. Als nun der Bräutigam lange nicht kam, wurden sie alle müde und schliefen ein. Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen! Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen zurecht. Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus. Die klugen erwiderten ihnen: Dann reicht es weder für uns noch für euch; geht doch zu den Händlern und kauft, was ihr braucht. Während sie noch unterwegs waren, um das Öl zu kaufen, kam der Bräutigam; die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal, und die Tür wurde zugeschlossen. Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen: Herr, Herr, mach uns auf! Er aber antwortete ihnen: Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde. Mt 25,1-13
Jesus hat bekanntlich in seiner Zeit viel Widerspruch geerntet. Nicht zuletzt auch deswegen, weil er in seiner Botschaft weniger den richtenden, strafenden, rächenden, allherrschenden, unerreichbaren und unnahbaren Gott, den alleinigen Herrn Israels verkündet hat. Seine Botschaft erreicht ihre Sinnspitze im Gleichnis von barmherzigen Vater, der stets auf die Umkehr und die Zuwendung der Menschen wartet. Das macht ihn auch für viele von uns so sympathisch. Klingt da nicht das heutige Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen als Widerspruch mit der Aussage: "Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht." Wo bleibt da die Liebe , die Jesus sonst immer in Wort und Tat verkündet und auch einfordert? Was meint Jesus wohl mit dieser so hart klingenden Aussage? Hat er es vielleicht gar nicht so gemeint?
Die Situation ist ganz klar: Mit dem Hochzeitsmahl meint Jesus das Reich Gottes. Alle zehn Jungfrauen sind eingeladen. Der Herr lässt auf sich warten. Als der Ruf erschallt: "Geht ihm entgegen!" waren fünf bereit und fünf nicht. Jesus stellt fest: Die einen kommen hinein, die anderen müssen draußen bleiben. Ich frage noch einmal: Passt diese scheinbare Härte und Unerbittlichkeit zur Botschaft Jesu und zu dem, wie er selber mit den Menschen umgegangen ist?
Eines sagt uns Jesus mit diesem Gleichnis sehr deutlich: Das Leben ist nicht der Beliebigkeit unterworfen, und es ist kein Spiel. Es ist ein einmaliges und unwiederholbares Geschenk, von Gott dem Vater. Er hat es uns gegeben, und einmal werden wir darüber Rechenschaft ablegen müssen, wie immer diese Rechenschaft auch einmal aussehen wird.
Mit dem Bild von der Lampe und vom Öl wird dies alles verdeutlicht: Die Lampe ist die Gabe, das Geschenk der Freundschaft mit Gott, gegeben aus freien Stücken in Taufe und Firmung.
Das Öl ist Sinnbild für unseren Glauben, unsere Hoffnung und Liebe. Dieses Öl erst ist Voraussetzung dafür. dass unser Vertrauen zu Gott brennen kann. Der Sinn und Zweck eines christlichen Lebens besteht letztlich darin, dieses Öl anzusammeln, denn niemand weiß, wann der Herr kommt. Vielleicht mag folgendes Gespräch zwischen dem Heiligen Philipp Neri und einem Studenten dies verdeutlichen:
Philipp Neri traf einmal einen Studenten und redete ihn an:. "Wie geht's?" Und der antwortete: "Ich stehe kurz vor der Prüfung und hoffe, dass ich sie bestehe." - "Und was machst du dann?" - "Ich will Rechtsanwalt werden. Alle Leute sagen, ich sei für diesen Beruf wie geschaffen." - "Und dann?" - "Ich werde mir als Rechtsanwalt einen Namen machen; dann kann ich heiraten und ein Haus einrichten und ein reicher Mann werden." - "Und dann?" - "Schließlich, so hoffe ich, werde ich am Gericht in Rom einen hohen Posten bekommen." - "Und dann?" - "Dann werde ich mich eines Tages mit einer hohen Pension zur Ruhe setzen." - "Und dann?" - "Dann? Ja , dann werde ich wohl eines Tages sterben müssen." Und nun, so ist es überliefert, zog der Heilige den Kopf des jungen Mannes ganz nah zu sich heran und flüsterte ihm ganz leise ins Ohr: "Und dann?" Der junge Mann hat dieses Gespräch seiner lebtaglang nicht mehr vergessen.
Damit endet die Geschichte, die sich übrigens genau so gut in unseren Tagen hätte ereignen können. Das Wichtigste blieb zwar unausgesprochen, doch dem jungen Mann ist eines schlagartig klar geworden: Am Ende meines Lebens zählt es nicht, ob ich Karriere gemacht und mir als Rechtsanwalt einen Namen gemacht habe, ob ich gut verheiratet gewesen bin und wie hoch meine Pension war. Am Ende zählt nur eines: Bin ich auf Jesu Kommen vorbereitet oder nicht, sprich: Habe ich, wie die fünf klugen Jungfrauen, im entscheidenden Augenblick einen ausreichenden Ölvorrat in meinem Krug oder nicht? Habe ich auch was getan für meine Beziehung zu Gott? Wer unvorbereitet ist, wie die fünf Törichten, muss draußen bleiben. Die Tür wird eines Tages zugeschlossen. So steht es schwarz azuf weiß da. Jetzt wenden sie bitte daher nicht ein: "Das klingt aber nun doch etwas zu hart. So hart kann Gott doch gar nicht sein."
Es geht in diesem Fall doch nicht darum, ob Gott hart ist oder nicht. Es geht einzig und allein darum: Alle Zehn sind eingeladen in sein Reich. Keine/R ist ausgeschlossen. Alle haben ihre Lampen bekommen! Was kann denn dann Gott dafür, wenn einige kein Öl bei sich haben. Ja, soll er denn für alles sorgen? Ja, ist es denn ungerecht und hart, wenn Gott einem die Freiheit lässt, zu tu und lassen, was er oder sie will?
Es gibt viele, die da sagen: Ich habe nichts gegen Gott und auch nichts gegen die Kirche und zahle deswegen auch meine Kirchensteuer. Ich tue auch nichts böses und bringe auch keinen um. Aber deswegen muss ich doch nicht gleich in die Kirche rennen und beten. Ich bin auch so ein guter Christ. Aber genügt das? Es mag stimmen, dass viele Menschen nichts gegen Gott und die Kirche haben, aber sie haben auch nichts für ihn übrig. Um im Bild zu sprechen: Was nützt die schönste Lampe und sei sie aus einem noch so edlem Material und reich verziert, aber wenn kein Öl drinnen ist. Im Klartext heißt das: Was nützt es mir, wenn ich getauft und gefirmt bin und vielleicht sogar noch einmal pro Jahr zum Beichten und vielleicht auch an den hohen Festtagen in die Kirche gehe? Ansonsten "koche ich meinen Glauben auf Sparflamme." Reicht das? Brennt da was in mir oder ist es nicht eher eine verlöschende Glut?.
Jesus verkündet keine Drohungen und keine Drohbotschaft. Ich möchte das hier auch nicht tun. Aber so viel ist klar. Er verkündet die Botschaft vom liebenden und menschenfreundlichen Gott, der aber ernst genommen werden will und nicht der Beliebigkeit des Einzelnen anheim gestellt ist. Wenn sich zwei Menschen wirklich lieben, dann gehört da auch Ernst dazu, damit daraus eine wirklich tiefe und anhaltende Liebe wird. Wenn sich ein Partner wenig um den andern kümmert, ein sogenanntes "Bratkartoffelverhältnis" pflegt, d.h., das Verhältnis zum ihm oder ihr auf "Sparflamme"kocht und dann sagen würde: "Du, ich hab dich gern!"
Was würde er oder sie darauf für eine Antwort kommen? Vielleicht doch die: "Wenn du dich so wenig um mich kümmerst, und wenn du hundertmal sagt, dass du mich liebst und mich gern hast, dann kannst du mich gern haben!" So wie die Liebe zum Partner eine regelmäßige Pflege braucht, so ist das auch mit der Beziehung zu Jesus Christus. Auch sie will gepflegt sein.
"Seid wachsam!" ist keine i Drohung. Es ist die Aufforderung und Ermunterung, in Kirche und Gesellschaft ernst zu machen mit der christlichen Botschaft. "Seid wachsam!" heißt: in Gebet und in Werken der Liebe zum andern "Ölvorräte" zu sammeln. Es kann nämlich schon einmal passieren, dass wir, wie die Jungfrauen, einschlafen, nicht immer hellwach sind. Aber wenn wir genügend "Ölvorräte" gesammelt haben, dann brauchen wir die Aussage: "Ich kenne euch nicht!" nicht zu fürchten, weil wir dann im entscheidenden Augeblick nicht auf dem "Trockenen" sitzen.
Sie kamen nach Kafarnaum. Am folgenden Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte. Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten. In ihrer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes. Da befahl ihm Jesus: Schweig und verlaß ihn! Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei. Da erschraken alle, und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl. Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa. Mk 1, 21-28
Der Evangelienabschnitt des 4. Sonntags im Jahreskreis, zeigt uns, dass Jesus schon von seinem ersten öffentlichen Auftreten an in der "Vollmacht Gottes" redete und handelte. Was er lehrte, muss so außergewöhnlich gewesen sein, dass die Zuhörer davon tief betroffen waren. Den einen Mann aber, der zu schreien anfing, regten Jesu Worte offensichtlich auf. Hatte er so böse Gedanken in seinem Herzen, dass es ihm gegen den Strich ging, was Jesus sagte? Im Text wird deutlich, dass sich der unreine, böse Geist in ihm dagegen wehrte; denn der Mann wurde ja als ein Besessener angesehen. In früherer Zeit glaubte man nämlich, dass Dämonen und böse Geister von Menschen Besitz ergreifen könnten. Und wenn die Ursachen ihrer Krankheit nicht bekannt waren, wurden sie oft als Besessene angesehen. Wir "aufgeklärte" Menschen sind heutzutage bei dem Begriff "besessen" etwas vorsichtiger. Zu viel Schindluder wurde mit diesem Begriffe getrieben mit teilweise verheerenden Folgen.
Wir müssen jedoch festhalte: Aber auch in unserer Zeit gibt es Krankheiten, die Menschen und ihr Verhalten verändern. Sie sind dann krank, aber nicht besessen. Doch wissen wir auch, dass Leute von Ehrgeiz, Geldgier oder Machtgier geradezu besessen sein können. Sie können an gar nichts anderes mehr denken. Sie sind davon gefangen. Gerade sie sollte Jesus davon befreien; denn sie richten viel Unheil damit an.
Wenden wir uns wieder dem Evangelium zu. Bei der Befreiung des Mannes von seinem bösen Geist geht es ziemlich dramatisch zu. Der da aus dem Besessenen spricht, wehrt sich gegen Jesus und die Macht, die von ihm ausgeht. Merkwürdigerweise weiß er, dass Jesus der "Heilige Gottes" ist, und er spürt, dass er gegen ihn nicht ankommt. Doch bevor er klein beigibt, zieht er noch eine tolle Schau ab, wie wir dazu sagen würden, unter der jedoch der Mann, den er verlässt, leiden muss.
Auch wenn uns der Text seltsam und nicht in unsere Zeit passend vorkommt, müssen wir doch sehen, dass es im Weltgeschehen viel Böses gibt und seine Macht groß ist. Denken wir nur daran, wie viele Kriege es gibt und was Menschen sonst einander im Großen und im Kleinen antun. Beispiele erübrigen sich an dieser Stelle wohl. Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass auch in uns selber das Gute und das Böse manchmal um die Macht streiten. Sagt uns doch unser Gewissen meist recht deutlich, was richtig ist und was wir tun sollten. Trotzdem tun wir oft genau das Gegenteil. Wir sagen dann doch auch selber von uns: "Da hat mich der Teufel geritten." Jesus wird auch uns deshalb immer wieder beistehen müssen, damit wir uns für das Gute entscheiden können.
Wo uns das gelingt, sind wir auf dem richtigen Weg. Ähnlich wie Jesus bewirken wir - ob wir es wissen oder nicht - im Namen Gottes etwas Gutes. Und dadurch verändert sich da, wo wir leben, etwas zum Besseren. Das ist doch etwas! Schon Kleinigkeiten wie ein freundlicher Gruß für einen Nachbarn, den wir sonst einfach übersehen, können viel bewirken; oder das Ertragen einer Macke des Arbeitskollegen; oder das geduldige Hinnehmen des Quengelns des Kindes, das sonst zum "Aus-der-Haut-Fahren" reizt; oder der Besuch bei einem alten oder kranken Menschen, der viel allein ist; oder die Bereitschaft, mit dem Gegner zu reden, sie gütlich zu einigen, statt gleich mit dem Rechtsanwalt zu drohen... Wir alle, die Großen und die Kleinen, können dazu beitragen, dass um uns herum ein guter Geist herrscht und bei Konflikten das Böse nicht überhand nimmt. Doch bei allem Reden über das Böse wollen wir das Gute nicht vergessen, das überall in der Welt und auch durch uns bereits geschieht. Und wir wollen dankbar das bemerken, was andere uns an Gutem tun, und uns darüber freuen und das Gute weitergeben.
So spricht der Herr: Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die Steppe und Straßen durch die Wüste. Das Volk, das ich mir erschaffen habe, wird meinen Ruhm verkünden. Jakob, du hast mich nicht gerufen, Israel, du hast dir mit mir keine Mühe gemacht. Du hast mir mit deinen Sünden Arbeit gemacht, mit deinen üblen Taten hast du mich geplagt. Ich, ich bin es, der um meinetwillen deine Vergehen auslöscht, ich denke nicht mehr an deine Sünden. Jes 43,18f.21f.24b-25
Ja, so ist das im Leben: Von frühester Kindheit haben wir es gelernt: Für Fehler muss man büßen. Strafe muss sein. Wer Schuld auf sich geladen hat, der muss bezahlen, der wird bestraft. Ich denke, wir alle kennen solche Situationen: Da hat jemand etwas weggenommen, was ihm nicht gehört hat - da hat jemand gelogen - da hat jemand seine Geschwister verärgert, verletzt, und so fort und dafür sind wir schon als bestraft worden. Solche Momente sind peinlich - deshalb führen wir sie hier nicht auf. Und selbst wenn man etwas getan hat, das nicht ausdrücklich verboten ist, so spüren wir doch in unserem Inneren, wenn es nicht in Ordnung ist. Und dann, um die Schuld soweit möglich wieder gutzumachen, wird man bestraft. Natürlich macht das das Böse nicht ungeschehen, aber die Strafe soll helfen, die Menschen zu bessern bzw. andere davon abschrecken, dasselbe zu tun.
Autofahrer, die andere durch zu schnelles Fahren oder Alkohol am Steuer andere und sich selbst gefährden, bekommen einen Strafzettel und müssen einen Geldbetrag bezahlen und gegebenenfalls sogar den Führerschein für einige Zeit abgeben. Und wer schlimme oder gefährliche Dinge angestellt hat wie schwerer Diebstahl, Raub oder Mord, der muss sogar ins Gefängnis. Denn, so sagen wir Menschen: Strafe muss sein! Wo kämen wir denn hin, weder jeder ungestraft Dinge tun oder unterlassen kann, die die anderen bedrohen. Stimmt doch?
Im Text der ersten Lesung zum 7. Sonntag im Jahreskreis aus dem Propheten Jesaja steht, dass Gott aber ganz andere Maßstäbe anlegt als wir Menschen: Es ist unglaublich, aber Gott will sein Volk nicht mit Strafen bessern, sondern dadurch, dass er die Schuld vergibt. Er will an das Vergangene nicht länger denken, er will nicht mit unseren Sünden belästigt werden, die uns immer festlegen und festhalten wollen, so dass kein Neuanfang möglich zu sein scheint. Dabei hätte Gott allen Grund gehabt, über sein auserwähltes Volk eine deftige Strafe zu verhängen. Die politisch Mächtigen hatten nämlich nicht auf Gottes Hilfe vertraut, sondern sich mit den Ägyptern verbündet gegen die große Macht der Babylonier. Doch das war eine Fehlentscheidung, und so eroberten die Babylonier Jerusalem, ließen die Stadt und den Tempel in Flammen aufgehen und verschleppten die Oberschicht der Bevölkerung. Wie konnte Gott eine solche Katastrophe zulassen? Und dann erlebten die Israeliten in Babel eine Religion mit riesigen Tempelanlagen und großartigen Götterprozessionen. Kein Wunder, dass sie dachten, Gott hätte sie vergessen. Und das Volk meinte zu Recht, dass Gott sie vergessen habe. Strafe muss eben sein!
Doch da erinnert sie der Prophet, dass schon etwas Neues wächst, dass sich eine Veränderung zeigt, dass das Volk zurückkehren darf ins Gelobte Land; denn Gott will die Schuld vergeben, damit die Menschen frei und aufrecht leben können - und damit wir großzügig denen gegenüber sein können, die unsere Vergebung brauchen.
Das erinnert mich an eine Geschichte eines jungen Mannes, der eine große Dummheit gemacht hatte und dafür einige Jahre ins Gefängnis musste. Im Laufe der Zeit war der Kontakt mit seinem Zuhause immer seltener geworden. Und als nun -nachdem er für seine Schuld gebüßt hatte - seine Entlassung anstand, gingen ihm viele Fragen durch den Kopf. Wie wird es wohl werden, wenn er nach Hause kommt? Werden seine Verwandten ihn wieder aufnehmen? Oder sind sie immer noch böse auf ihn und wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben? Davor hat er große Angst. Und am liebsten möchte er ihnen dabei auch nicht in die Augen sehen müssen.
Nun sitzt er im Zug, der zu seinem Heimatort fährt. Die Frau, die das Abteil mit ihm teilt, merkt ihm seine große Anspannung an und fragt, was ihn denn so nervös macht. Da erzählt er ihr seine Geschichte ... "Wissen Sie, und deshalb habe ich meine Verwandten gebeten, mir ein Zeichen zu geben. Ich könnte die Schande nicht ertragen, von ihnen davongejagt zu werden." - - - "Und was sollen sie tun?" -, fragte die Frau teilnahmsvoll. - -"Auf dem Hügel vor unserer Stadt steht ein Apfelbaum. Der Zug muss daran vorbeifahren, bevor er in den Bahnhof einläuft. ich habe sie gebeten, ein gelbes Band in den Baum zu hängen, wenn ich heimkehren darf. Wenn nun kein Band im Baum hängt, werde ich weiterfahren und mein Zuhause für immer vergessen."
Gespannt starrte der Mann aus dem Fenster - und die Frau mit ihm. Dann schien ihn der Mut zu verlassen. "Können Sie mir sagen, was Sie sehen, wenn der Baum in Sichtweite kommt", bat er und schloss die Augen - so groß war seine Angst vor der Enttäuschung. Da spürte er die Hand der Frau sanft auf seinem Arm. " Sie können die Augen ruhig öffnen - der Apfelbaum ist mit 1000 gelben Bändern behängt. Ich glaube, hier blüht ihnen restloses Verzeihen. Sie können getrost aussteigen. Sie sind sicher willkommen!"
Jesus hat diese Botschaft des Propheten ganz ernst genommen und die Vergebung Gottes den Menschen immer wieder zugesprochen. Auch wenn die Schuld einen noch so niederdrückt, ja sogar lähmt, er verzeiht. Wo wir empört auf die Fehler des anderen zeigen streckt er die Hand zur Vergebung entgegen. So auch im heutigen Evangelium: Zu wissen, dass ihre Schuld vergeben ist, das kann Menschen so glücklich machen, dass sie einfach aufstehen und weggehen - und nicht mehr an das Frühere denken. Und das wünsche ich uns allen.
Durch eine Oase ging ein finsterer Mann, Ben Sadok. Er war so gallig in seinem Charakter, dass er nichts Gesundes und Schönes sehen konnte, ohne es zu verderben. Am Rande der Oase stand ein junger Palmbaum im besten Wachstum. Der stach dem finsteren Araber ins Auge. Da nahm er einen schweren Stein und legte ihn der jungen Palme mitten in die Krone. Mit einem bösen Lachen ging er nach dieser Heldentat weiter.
Die junge Palme schüttelte sich und bog sich und versuchte, die Last abzuschütteln. Vergebens. Zu fest saß der Stein in ihrer Krone. Da krallte sich der junge Baum tiefer in den Boden und stemmte sich gegen die steinerne Last. Er senkte seine Wurzeln so tief, dass sie die verborgene Wasserader der Oase erreichten, und stemmte den Stein so hoch, dass die Krone über jeden Schatten hinausreichte. Wasser aus der Tiefe und die Sonnenglut aus der Höhe machten eine königliche Palme aus dem jungen Baum.
Nach Jahren kam Ben Sadok wieder, um sich an dem vermeintlichen Krüppelbaum zu erfreuen, den er verdorben. Er suchte vergebens. Da senkte die stolzeste Palme ihre Krone, zeigte den Stein und sagte: "Ben Sadok, ich muss dir danken. Deine Last hat mich stark gemacht." Franz Gypkens
Am heutigen Palmsonntag hören wir zunächst den triumphalen Einzug Jesu nach Jerusalem. Die Palmzweige in den Händen der jubelnden Menschenmenge werden als Zeichen des Sieges und des Triumphes geschwenkt. Dann hören wir die Leidensgeschichte mit dem Tod Jesu am Kreuz..
Der Stein steht für Last, für Leid und Kreuz, das einem anderen auferlegt wird. Jesus selber musste es am eigenen Leib und in der eigenen Seele erfahren: es gibt viel Leid in der Welt, für das menschliche Hände, Fanatismus und menschliche Bosheit verantwortlich gemacht werden müssen. Leider gibt es das immer wieder, dass Menschen nur deswegen so schwer zu tragen haben, weil es andere nicht ertragen können, wenn es ihnen gut geht. Dies ist noch schwerer zu ertragen, als anderes Leid, das nicht durch menschliches Verhalten in die Welt gebracht wird, die Naturkatastrophen im Großen und die Katastrophen aber auch im Kleinen, die nicht minder leicht sind, wenn sie über einen hereinbrechen. Da wissen wir dann oft nicht mehr weiter. Wir fragen nach dem "Warum" und wollen das Leid nicht wahrhaben. Solange es Menschen gibt, haben sie sich daher gegen das Leid gewehrt. Wir dürfen uns auch nie mit dem Leid abfinden, solange es Wege gibt, es zu lindern oder gar zu verhindern. Jede Generation von Menschen hat neue Entdeckungen gemacht, um mit dem Leid fertig zu werden. Aber besiegt wird das Leid nie!
Diese Erfahrung hat die Menschen angeregt, ganz neu über das Leid nachzudenken und nach einem möglichen Sinn zu fragen. Die einen zerbrechen an dieser Frage, die anderen finden Hilfe in der Frage nach dem Sinn des Leidens im Christentum.
Diese Erzählung beschreibt sehr anschaulich, wie das Leid einen Menschen nicht nur unterdrücken kann und verzweifeln lässt. Leid kann einen Menschen auch formen, wenn man das, was einem, gleich ob durch Menschenhände oder durch ein anderes Schicksal auferlegt wird, annimmt, weil es sich beim besten Willen nicht abschütteln lässt. Es ist zwar leicht gesagt, dass man dann den Kopf nicht in den Sand stecken darf. Die Palme hat den Kopf nicht in den Sand gesteckt, sondern ihn der Sonne entgegengehalten, was ihr letztlich zum Segen gereichte. Auf der Suche nach tiefen Quellen erschließen sich neue, ungeahnte Lebenskräfte, die trotz der Last innere und äußere Stärke vermitteln. - Wasser und Sonne.
Herr, Jesus Christus,
du bist das Wasser,
das uns tränkt, und die Sonne,
die uns scheint.
Du kannst Not und Leid
in Wachstum
und Leben verwandeln.
Wir wehren uns gegen das Leid,
das über uns kommt
und uns erdrücken will.
Wir erkennen nicht seinen Sinn
und möchten es deshalb abwerfen.
Wir stöhnen und klagen,
weil es unser Leben stört.
Lass uns von der Palme lernen,
auf der ein schwerer Stein lag.
Sie war dankbar für die Last,
durch die sie groß und stark
und schön geworden war.
Schenk uns ihren Lebensmut
und ihr Verlangen nach dem
Wasser des Lebens
und nach der Sonne
der Gerechtigkeit.
Lass uns in allem Leid
auch deine verwandelnde
Kraft erkennen.
Jesus rief die Zwölf zu sich und sandte sie aus, jeweils zwei zusammen. Er gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben, und er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen. Und er sagte zu ihnen: Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder verlaßt. Wenn man euch aber in einem Ort nicht aufnimmt und euch nicht hören will, dann geht weiter, und schüttelt den Staub von euren Füßen, zum Zeugnis gegen sie. Die Zwölf machten sich auf den Weg und riefen die Menschen zur Umkehr auf. Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie. Mk 6,7-13
Der Wunsch zu fliegen
Zu einem alten weisen Mann kam eines Tages ein Kind und erkundigte sich, ob es fliegen lernen könne. "Jeder, den ich gefragt habe, hat mich ausgelacht und gesagt, fliegen könnten nur die Vögel, die Flügel haben, oder allenfalls die Engel im Himmel", sagte das Kind enttäuscht.
Der alte weise Mann lächelte und erwiderte, auch der Mensch könne fliegen, wenn er nur die Vorschriften beachte.
Das Kind sah ihn ungläubig an. "Ich weiß", sagte es", "es gab einmal einen Mann, der für sich und seinen Sohn je ein Flügelpaar aus Federn anfertigte. Davon habe ich gehört. Aber der Sohn kam der Sonne zu nah, das Wachs auf den Federn schmolz, und er stürzte ab." "Du hast in der Schule gut aufgepaßt", nickte der weise Mann. "Die Geschichte von Dädalus und Ikarus kennst du also. Aber an einen solchen Flug dachte ich eigentlich nicht.'" "Sondern?" Das Kind hing mit gespannter Aufmerksamkeit an seinen Lippen. "Ich dachte an die Freiheit des Menschen, die zum Flug wird, wenn er alles abgeschüttelt hat, was ihn beschwert. Wenn er leicht, federleicht geworden ist, so daß er vom Windhauch emporgewirbelt wird."
"Das verstehe ich nicht!" rief das Kind. "Federleicht soll ich werden? Dabei wiege ich doch 70 Pfund."
Der Weise lächelte versonnen. "Sag mir, welche Dinge dir gehören und dir viel bedeuten." Das Kind begann aufzuzählen: "Mein Fahrrad, mein Fernsehapparat, meine Möbel, meine Bücher, meine Kleider, meine Schallplatten, meine Kassetten, mein Aquarium, meine Briefmarkensammlung, meine..."
"Es ist genug", unterbrach der Weise das Kind. "Hast du auch Wünsche für morgen, wenn du erwachsen bist?"
"Viele!" rief das Kind. "Zum Beispiel wünsche ich mir ein Auto, wenn ich größer bin, ein gemütliches Haus, einen Garten voller Blumen, ein...." "Es genügt", sagte der weise Mann."Wärst du bereit, deine Wünsche zu vergessen - nur den einen nicht, nämlich zu fliegen?"
Das Kind schwieg einen Augenblick, es legte die Stirn in Falten und dachte nach. "Nein", sagte es dann zögernd und leise, "ich glaube nicht, daß ich auf meine Wünsche verzichten möchte. Sie gehören doch zum Leben, und alle haben sie." "Ja", nickte der alte weise Mann, "alle haben sie, und keiner kann auf den Luxus dieser Welt verzichten. Deshalb, mein Kind, deshalb kann deine Seele auch nicht fliegen lernen..."
Hermann Multhaupt
Kinder denken Utopisches. Sie gewinnen ihre Erkenntnisse in ihrer Umwelt und werden angeregt, sich auch das zu wünschen, was andere besitzen und das zu ersehnen, was andere vermögen. Warum sollte ein Mensch nicht auch fliegen lernen ? Der weise Mann aus der Geschichte denkt nicht an das realistische Fliegen. Er versucht, das Träumen des Kindes auf eine andere Ebene zu heben. Er denkt an die Freiheit des Menschen. Sie ist da nicht möglich, wo irdische Dinge uns "beschweren." Das Kind ist nicht bereit, auf all die schönen Dinge zu verzichten, die ihm wichtig erscheinen: Fahrrad, Fernsehapparat, Kleider, Schallplatten, Auto, Haus. "Es gibt so viele schöne Dinge, die einen mitreißen können - wenn man nicht genügend auf den Himmel ausgerichtet ist. Die Erde kann dich hier auf ewig an sich ziehen" (T. Goritschewa).
Diese materiellen Dinge, die an sich nicht schlecht sind, bedürfen der Übersetzung, weil sie für tiefere "Beschwernisse" stehen, die am Fliegen, an der Gotteshingabe und Gottesbegegnung hindern. Gemeint ist das Verlangen, den Grund seines Selbstwertgefühls in der eigenen Leistung und im Erfolg zu suchen; gemeint ist der Versuch, durch Macht und Reichtum sich absichern zu wollen; gemeint ist eine Gesinnung, die dem Ver-dienen einen größeren Stellenwert als dem Dienen zuspricht; gemeint ist eine Lebensgestaltung, die mehr auf das eigene Planen als auf die Fügungen Gottes vertraut; gemeint sind Augen, die nur den Leib, aber nicht die Seele sehen. Darum konnten bei der Verklärung Jesu nur die seine Herrlichkeit schauen, die ganz gläubig waren..
Jesus gibt den Jüngern den Rat, außer einem Wanderstab nichts mitzunehmen. Alles andere "beschwert" sie nur auf ihrem Weg. Je mehr Reisegepäck wir mitschleppen, um so weniger weit kommen wir. Am Ende ist die Belastung möglicherweise so groß, dass wir völlig unbeweglich werden.
"Warum können die Engel fliegen? hat einmal einer gefragt.. "Weil sie sich leicht nehmen."
In Armenien erzählen sich die Menschen folgende Fabel: Ein Mann besaß eine Geige mit einer Saite, über die er den Bogen stundenlang führte, den Finger immer auf der gleichen Stelle haltend. Seine Frau ertrug dieses Geräusch sieben Monde lang in der geduldigen Erwartung, dass der Mann entweder vor Langeweile sterben oder das Instrument zerstören würde. Da sich jedoch weder das eine noch das andere dieser wünschenswerten Dinge ereignete, sagte sie eines Abends, wie man glauben darf, in sehr sanftem Tone: "Ich habe bemerkt, dass dieses wundervolle Instrument, wenn es andere spielen, vier Saiten hat, über welche der Bogen geführt wird, und dass die Spieler ihre Finger ständig hin und her bewegen." Der Mann hörte einen Augenblick lang auf zu spielen, warf einen weisen Blick auf seine Frau, schüttelte das Haupt und sprach: "Du bist ein Weib. Dein Haar ist lang, dein Verstand kurz. Natürlich bewegen die anderen ihre Finger beständig hin und her. Sie suchen die richtige Stelle. Ich habe sie gefunden."
Wir mögen vielleicht heimlich oder offen über diese Geschichte lachen. Aber wird da nicht eine Frage gestellt, die uns zum Nachdenken bringen kann, die Ihnen genauso wie mir gilt? Nämlich: Habe ich in meinem Leben die richtige Stelle gefunden? Habe ich für mein Leben die Mitte gefunden, den Punkt, der alles zusammenhält? Was die Fabel mir weiter sagt, ist folgendes: Ich muss lange Zeit suchen, bis ich diesen Punkt gefunden habe, der mein Leben zusammenhält. Ich muss viele Stellen ausprobieren, zum Klingen bringen, bis sich für mein Leben Harmonie ergibt, bis sich der Klang ergibt, der mein Leben durchträgt und bestimmt.
Ich möchte Sie einladen, einmal einige Stellen in unserem Leben abzuhorchen und zu fragen, ob sie uns Kraft geben, ob sie unser Leben durchtragen.
Ich kenne vielleicht auch Menschen, die gehen total in ihrem Beruf oder in ihrer Aufgabe auf. Da sind z.B. Lehrer aus Leidenschaft darunter. Da ist nichts zuviel, wenn es um den Beruf geht. Ich hatte einmal einen Lehrer, von dessen Unterricht war ich begeistert. Er hat es verstanden, trockenen Stoff so anschaulich zu bringen, dass wir bei der Sache waren. Und ich traue mich zu sagen: Dieser Mensch hat für sein Leben den Punkt gefunden, der sein Leben zusammenhält, der es in Schwingung versetzt.
Ich kenne eine Frau, die mit einem jähzornigen und unausgeglichenen Mann verheiratet ist. Trotzdem, diese Frau ist immer freundlich, bereit zum Gespräch und hat einen Grund zum Lachen. Sie hat mir einmal erzählt: "Ich lebe jeden Tag bewusst. Denn ich weiß: jeder Tag ist ein einmaliges Geschenk für mich. Ich kann mich über Kleinigkeiten freuen!" Da ist ein Mensch, der in seinem Leben bestehen kann, weil er den Tag als Geschenk sieht. Da hat jemand die Kraft, in den vielen Grautönen des Tages noch die Farbtupfer der Hoffnung zu sehen; in dem Einerlei eines Tages noch die Punkte zu spüren, die man sonst selten beachtet: die Kleinigkeiten, die jedem geschenkt werden, die jeder braucht wie das Salz in der Suppe. Und haben wir es nicht auch schon erfahren: Mein Leben wird heil, weil ich einen Menschen gefunden haben, dem ich vertrauen kann?
Haben wir schon einmal gespürt, wie gut es tut, wenn wir sagen können: Es gibt einen Menschen, der mir die Hände vom Gesicht nimmt, der mir Freund ist? Es gibt Menschen, die sagen: "Ich brauche niemanden!" Wie arm sind solche Menschen. Ich glaube schon, dass das Leben ruhiger und lebenswerter werden kann, wenn es einen Menschen gibt, der mich einlädt, an seinem Leben teilzunehmen. Ich glaube schon, dass jeder einen Menschen braucht, der ihm Sympathie schenkt, der Zeit und Platz für ihn hat. ja, in einer echten Freundschaft, in einer gelungenen Partnerschaft kann ein Mensch den Ort finden, der ihn zur Ruhe kommen lässt.
Jeder sucht für sein Leben die richtige Stelle, wie es in der Fabel erzählt wird. Und jeder hat in seinem Leben vielleicht schon erfahren: Was mich über kürzere oder längere Zeit hinweg hält, ist die Freundschaft zu einem Menschen, oder mein Beruf, oder Kleinigkeiten im Alltag. Trotzdem, damit ist mein Leben noch nicht ausgefüllt. Denn wer öffnet mir die Augen für die Farbtupfer meines Alltages? Wer lässt mich Durststrecken in meinem Beruf durchstehen? Wer fängt mich auf, wenn Freundschaft zerbricht und Partner auseinandergehen? Kann für unser Leben das gelten, was Petrus, Johannes und Jakobus für ihr Leben als die Mitte erfahren haben?
Was uns als Evangelium heute verkündet worden ist, will uns sagen: Da sind Menschen herausgerissen worden aus ihrer Einbahnstraße, die sich zwischen Zweifel und Hoffnung hin und her bewegt. Da haben Menschen gespürt: Seit dieser Rabbi aus Nazaret in unser Leben getreten ist, haben wir die Kraft, die uns über Enttäuschungen hinweghilft, die uns weitergehen lässt. Bei diesem Jesus haben Menschen gespürt: Er nimmt mein Leben in die Hand, bei ihm kann ich Mensch werden.
Es heißt im Evangelium: Mose und Elija waren dabei. Und was soll uns da anderes verkündet werden als das: In diesem Jesus ist die Sehnsucht eines ganzen Volkes in Erfüllung gegangen. Gott hat unsere Erde berührt. Gott hat unseren Teufelskreis für alle Zeiten durchbrochen. Ab jetzt gilt nicht mehr, dass ich von meiner Angst hin und her geworfen werde wie eine Nussschale auf dem Meer. Sondern ab jetzt gilt: Auch für mein Leben heißt die Mitte: Gott liebt dich. Auch wenn es in meinem Leben noch so drunter und drüber geht, wenn ich den Boden unter den Füßen verliere, kann ich den Punkt finden, der mein Leben zusammenhält. Gott ist auf unsere Seite getreten in Jesus von Nazaret.
Die Erfahrung der Jünger kann in unserem Leben nachwirken. Denn es gilt weiter: "Auf ihn sollt ihr hören!" Wir sind eingeladen, bei Jesus das immer wieder zu erfahren, was für Petrus, Johannes und Jakobus so wichtig war wie tägliches Brot: Jesus ist es, der mein Leben stimmig macht.
Gut - unsere Welt bleibt natürlich die gleiche. Aber ich bin überzeugt davon, dass dieser Jesus für mich da ist, wenn jeder andere nein zu mir sagt. Ich glaube sicher, dass er mein Leben zusammenhält, wenn es aus den Fugen gerät.
Auf ihn hören, das heißt: Ich nehme für bare Münze, wenn Jesus sagt: "Was ihr dem Geringsten tut, das habt ihr mir getan!" und: "Ich bin bei euch alle Tage!" So, wie wir miteinander umgehen, da kann es durchleuchten, ob Jesus die Mitte unseres Lebens ist. Ich wünsche uns die Erfahrung, dass bei allem, was unser Leben schön und phantastisch, aber auch schwer macht, Jesus mit uns geht!
Die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, hielten sich bei Jesus auf. Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen. Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Handvoll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt. Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen? Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir. Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen. Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen. Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage: Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein. Mk 7,1-8.14f-21-23
Liebe Christen!
"Daran hängt mein Herz" sagen wir manchmal, wenn uns eine Sache oder Person besonders wichtig ist. Für den einen werden es die Ehe, der Lebenspartner oder die Kinder sein, für den anderen vielleicht die über Jahrzehnte entstandene Briefmarkensammlung, der Dienstagabend im Sportverein, die tägliche Abendbesinnung in der Meditationsecke, der traditionelle Jahresurlaub in einer inzwischen vertrauten schönen Landschaft. Diese Beispiele lassen sich noch weiter fortsetzen. Unser Herz hängt an Personen, die wir lieb gewonnen haben, die uns wichtig sind.
Unser Herz hängt an Dingen, zu denen wir eine besondere Beziehung haben, die unser persönliches Leben lebenswerter machen. Und das ist auch gut so. Unser Leben gewinnt in diesen Beziehungen an Tiefe und Faszination. Und wenn wir in rechter Weise mit ihnen umgehen, dann kann nichts Schlechtes dabei sein im Gegenteil.
Wenn unser Herz an etwas oder jemand hängt, dann zeigen wir, dass wir es mit dieser Beziehung wirklich ernst meinen. Wir sind bereit, diese Personen oder Dinge wichtiger zu nehmen als vieles andere. Das, woran unser Herz hängt, bildet einen wesentlichen Bezugspunkt unseres Handelns. Unser Tun entspringt in solchen Begegnungen und Situationen unserem tiefsten Innern. Und wir sind auch (ganz) bei uns selbst, wenn wir uns auf die Faszination des Gegenübers in rechter Weise einlassen.
Das heutige Evangelium stellt dieser Erfahrung als Kontrast eine andere Haltung entgegen. "Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir" (V. 6), zitiert Jesus den Propheten Jesaja. Er kreidet damit die Haltung der Pharisäer und Schriftgelehrten an. Diese nehmen daran Anstoß, dass Jesu Jünger mit ungewaschenen d. h. nach jüdischem Verständnis mit unreinen Händen ihr Brot essen. Entscheidend für den Glauben ist so gibt Jesus diesem Vorwurf gegenüber zu verstehen nicht das "Lippen-Bekenntnis", nicht das äußere Verhalten. Es geht vielmehr um die Frage, ob an Gott wirklich das Herz hängt, ob von Gott als Zentrum des Glaubens alles andere Verhalten der Menschen seinen Sinn erfährt.
Nimmt Gott einen wichtigen Platz in meinem Leben ein? Bin ich bereit, von ihm her mein Tun und Handeln zu verstehen? Oder benutze ich überlieferte Regeln und Vorschriften nur als "Vorwand", um mein Gewissen zu beruhigen, um mich aber letztlich auf keine tiefe Gottesbeziehung einzulassen? Gott könnte ja etwas von mir wollen oder er könnte sogar mich selber wollen.
Dies sind die Fragen, die das eben gehörte Evangelium ganz konkret an unser Leben heute stellt. Gott und sein Liebes-Gebot stehen im Mittelpunkt der christlichen Botschaft. Von ihnen her sind alle anderen Regeln und Überlieferungen her zu verstehen. Sie können sinnvoll sein, müssen aber immer wieder neu von den Zeitumständen und von der jeweiligen Situation her an Gottes Willen rückgebunden werden. Andernfalls riskieren wir, dass sie zu reinen "Selbstläufern" werden, welche die lebendige Botschaft Gottes mehr verschleiern als hervorheben. Man erfüllt das Gesetz um des Gesetzes willen, weil es halt schon immer so war.
"Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein" (V. 15), sagt Jesus weiter. Nicht die schmutzigen Hände, mit denen wir unter Umständen essen, sind das Problem, nicht diese machen uns "unrein". Die falschen Dinge, an denen unser Herz zu sehr hängt, können zum Problem werden. Dann entstehen "böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft" (v. 21ff) und vielleicht noch andere Untugenden, die das Evangelium hier nicht nennt. So fordert uns der heutige Text aus der Heiligen Schrift auf, die tiefste Motivation unseres Handelns immer wieder zu prüfen und kritisch zu hinterfragen. Steht Gott im Mittelpunkt oder gibt es andere "Götzen", an denen in absoluter Weise unser Herz hängt? Dient alles, was wir aus dem Glauben tun, der Verwirklichung seiner Liebe in der Welt oder geht es um eine reine religiöse Selbstbefriedigung?
Von diesem zentralen Anliegen her müssen wir auch die anderen eingangs genannten Menschen und Dinge deuten nicht um sie abzuwerten, sondern um sie in das rechte Verhältnis zum Zentrum unseres Glaubens zu rücken.
Wenn wir an Gott "unser Herz hängen" und an seiner Liebe wirklich unser Handeln ausrichten, dann können wir auch nicht jener Versuchung erliegen, der die Pharisäer und Schriftgelehrten aus dem Evangelium nachgegeben haben. Sie suchen einen Vorwand, um Jesus und seinen Jüngern unrechtes Verhalten vorzuwerfen. Wenn an Gott wirklich unser Herz hängt, dann kann es uns nicht passieren, dass wir Gebote und Regeln verdrehen und sie für unsere eigenen Zwecke und Ränke ausspielen.
"Nehmt euch das Wort zu Herzen, das in euch eingepflanzt worden ist und das die Macht hat, euch zu retten" (V. 21), mahnt die heutige (zweite) Lesung aus dem Jakobusbrief. Wenn wir uns Gottes Wort "zu Herzen nehmen" das Gott selbst uns eingepflanzt hat und in unserem Herzen "hegen und pflegen", am Leben erhalten will dann verheißt es uns gelingendes Leben. Öffnen wir in dieser Feier unser Herz, damit Gott wirklich und immer mehr zum Mittelpunkt unseres Daseins werden kann.
Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst. Er antwortete: Was soll ich für euch tun? Sie sagten zu ihm: Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen. Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde? Sie antworteten: Wir können es. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde. Doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die diese Plätze bestimmt sind. Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele. Mk 10,35-45
"Bei ARD und ZDF sitzen sie in der ersten Reihe." Fast jedes Kind kennt diesen Slogan. Es stimmt doch: In der ersten Reihe sitzen: Wer möchte das nicht? Den besten Platz ergattern: Wem läge nicht daran? Es ist nur komisch, dass in den allermeisten Kirchen die hinteren Bänke die begehrtesten sind. Aber das nur am Rande.
Zu den Ehrengästen zählen: Wer würde da "Nein" sagen? Dementsprechend wirkt es auch überaus menschlich, wenn zwei Jünger des Jesus von Nazareth ihren Herrn und Meister bitten: "Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen". Wenn man schon mit dem Messias persönlich befreundet ist, dann soll am Ende auch etwas dabei herausspringen. Zumindest ein Ehrenplatz, möglichst im Hofstaat desjenigen, der die Macht hat, der das Regiment führt, dessen Aura auch die Nebenleute in Glanz hüllt.
Viele Herrscher wüssten derart ergebene Wünsche hoch zu schätzen, da ihre eigene Vorrangstellung dadurch erst recht betont würde. Nicht so Jesus von Nazareth. Dieser Mann, den seine Freunde für den lang ersehnten Messias halten, weist das Begehren der beiden Jünger entschieden zurück. Mit deutlichen Worten schiebt er ihrer allzu irdischen Eitelkeit einen Riegel vor. Jesus handelt nicht aus einer momentanen Laune heraus. Nein, er weiß, was er tut. Vor allem spürt er, dass die Erwartungen der Jünger vollkommen in die Irre laufen werden.
Weder die Machtübernahme in Israel noch die Gründung eines neuen Weltreiches steht bevor. Vielmehr wird der Weg, den der Messias zu gehen hat, dornenreich sein, voller Entbehrungen, ohne Glanz. In Jerusalem wartet nicht der Thron auf Jesus, sondern das Kreuz, nicht die Macht, sondern der Tod.
Womöglich ärgert sich Jesus auch über die Einstellung, welche die Jünger an den Tag legen. Sie denken ans Herrschen, nicht ans Dienen. Sie möchten befehlen, nicht ausführen. Sie suchen den Ruhm, nicht die Bescheidenheit. Irgendwie bekannt - oder? Jesus fragt sich vielleicht: Haben die denn gar nicht kapiert, was ich ihnen seit drei Jahren beigebracht habe? Denken sie immer noch in den althergebrachten Bahnen, anstatt die neuen Wege zu sehen, die ich eingeschlagen habe? Wird sich das nie ändern, das menschliche Streben nach Ruhm und Macht?
Jesus hat ja Recht: Der Durchbruch gelingt nur, wenn nicht alle aufs Herrschen erpicht sind, sondern das Dienen verinnerlicht haben. Natürlich nicht als unterwürfige Sklaven, vielmehr als selbstbewusste Helfer derer, die es nötig haben. Natürlich nicht als kriecherische Anpasser, sondern als einfühlsame Begleiter der Enttäuschten. Natürlich nicht im blinden Gehorsam, vielmehr in der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Geist Gottes.
Genau aus diesem Grund schärft Jesus noch einmal ein: "Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein." Der harte Ton, den Jesus anschlägt, hat vielleicht mit seinem Ärger zu tun. Er ist enttäuscht, dass die Jünger seine Botschaft noch nicht so verarbeitet haben, wie er es gewünscht hat. Möglicherweise spielt auch seine langsam wachsende Nervosität eine Rolle. Er ahnt, dass sein öffentliches Wirken dem Ende zugeht, dass in Jerusalem die Entscheidung wartet, und zwar nicht als fröhliches Happening, sondern als schmerzhafter Gang in den Tod.
Der Mann aus Nazareth unterstreicht: "Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele". Beim Ausdruck "Lösegeld" denke ich zuerst einmal an eine Entführungsgeschichte, in der die Kidnapper für die Freilassung ihres Opfers Geld verlangen. Doch bei Jesus geht es nicht um Entführung.
Das liegt auf der Hand. Seine Gegner wollen ihn öffentlich erledigen. Ein geheimes Kidnapping passt überhaupt nicht in ihr Szenario. Manche fragen sich, ob Jesus daran gedacht hat, mit seinem Tod dem eigenen Vater Genugtuung anzubieten, um ihm seinen Groll über die Sünden der Menschen zu nehmen. Doch diese Überlegung liefe auf ein äußerst fragwürdiges Gottesbild hinaus. Denn Gott wäre dann ein beleidigter und rachsüchtiger Herrscher, der großen Wert darauf legt, dass seine Untertanen gefälligst seine Laune aufbessern.
Ein solcher Gott wäre nichts für mich. Daran könnte ich nicht glauben. Womöglich denkt Jesus aber auch ans Alte Testament. Denn im Recht der Israeliten gab es die Möglichkeit, dass jemand, der einem anderen solch schweren Schaden zugefügt hatte, dass er eigentlich sein Lebensrecht verwirkt hatte, doch noch gerettet werden konnte, und zwar dadurch, dass für ihn eine Art Lösegeld gezahlt wurde, damit er nicht dem Tod zum Opfer fiel.
Genau das will Jesus: Die Menschen sollen vom Verhängnis des Todes befreit werden. Er möchte sie vor dem Fall ins Nichts bewahren. Sie sollen eine Chance erhalten, glücklich zu werden, nicht nur vor dem Tod, sondern erst recht danach. Und dieses Glücklich-Werden gelingt nicht dadurch, dass alle nach Ruhm und Macht streben. Viel wirksamer ist der Versuch, einander durch gegenseitiges Bedienen Zufriedenheit zu schenken.
Wenn jeder jedem absichtslos hilft, dann gibt es niemand mehr, der zum Opfer wird, der Unterdrückung erfährt, den die harte Faust der Gewalt trifft. Am heutigen Weltmissionssonntag, soll uns das bewusst werden, dass Missionierung kein von oben nach unten ist, wie es in frühere Zeit -mit den besten Absichten vielleicht- gemacht wurde. Wo die Leute z.B. mit brutaler Gewalt missioniert wurden. Nein Mission heute heißt, einander absichtslos dienen und nicht Macht übereinander auszuüben. Eine kleine Geschichte mit dem Titel Einer dem anderen verdeutlicht dies:
Jemand durfte einen Blick in die Hölle tun. Er sah einen festlichen Saal, strahlend erleuchtet. Die kostbar gekleideten Menschen saßen vor Tischen, die sich bogen unter der Last üppiger Speisen. Aber alle hatten steife Ellenbogengelenke, niemand konnte die Hand zum Munde führen. So geiferten und hungerten alle mitverzerrten Gesichtern. -
Er durfte auch einen Blick in den Himmel tun. Er sah einen festlichen Saal strahlend erleuchtet. Die kostbar gekleideten Menschen saßen vor Tischen, die sich bogen unter der Last üppiger Speisen. Aber alle hatten steife Ellenbogengelenke, niemand konnte die Hand zum Munde führen. Und jeder fütterte seinen Nachbarn, und alle waren glücklich.
Für Gott gibt es keine erste und letzte Reihe. Ehrenplätze sind ihm egal. Gott will, dass alle ihm nahe sind, ohne Abstufungen und Rangfolgen. Auf Erden soll diese himmlische Geschwisterlichkeit bereits beginnen. Und nach dem Tod wird sie vollendet werden. Vom Schöpfer persönlich, mit dem Sohn an der Seite und dem Geist in aller Leute Nähe.
Andreas KaiserEs war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene; Hohepriester waren Hannas und Kajaphas. Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias. Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündigte dort überall Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden. (So erfüllte sich,) was im Buch der Reden des Propheten Jesaja steht: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden. Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt. Lk 3,1-6
Immer wieder kann man schon in der Adventszeit das Lied hören: "A 'm dreaming of a white Christmas" (Ich träume von weißen Weihnachten). Ja, Schnee zu Weihnachten oder sogar noch früher, darüber freuen sich vor allem die Kinder. Andere winken bei der Vorstellung entsetzt ab, denn dann gibt es wieder viele Staus und Verspätungen auf den Straßen. Manches Sträßchen, das im Sommer keine Probleme macht, ist dann fast unpassierbar, und man kommt nicht zu den Leuten, die man eigentlich erreichen wollte. Im heutigen Evangelium fordert Johannes der Täufer die Menschen auf, Gott den Weg zu bereiten, damit er nicht behindert wird, wenn er bei uns ankommen will.
Da war irgendwo einer, der lebte fernab vom nächsten Dorf auf einem Bauernhof. Nur selten ließ er sich im Dorf blicken, und wenn er dort war, war er wortkarg und kam mit niemandem näher in Berührung. Die Leute im Dorf nannten ihn den "komischen Kerl". Niemand gab sich Mühe, ihn näher kennen zu lernen, und mit der Zeit wurde er immer seltsamer und verschrobener. Er kam noch seltener ins Dorf, um seine wenige Post abzuholen und seine Einkäufe zu erledigen. Er ließ seinen Zufahrtsweg verkommen. Gras und Büsche wuchsen auf ihm. Es gab tiefe Furchen und richtige Hügel darauf, dort, wo ein Unwetter Schlammmassen aufgehäuft hatte. Dem Mann war der Zustand seines Weges egal. Zu ihm kam ja doch nie ein Mensch. Und wenn er den Weg ab und zu benutzte, dann stapfte er halt durch das Gebüsch und den Dreck.
Einmal brachte er von solch einem Ausflug in das nächste Dorf einen Brief mit. Schon lange hatte er, außer der Stromrechnung, keinen richtigen Brief mehr bekommen. Aufgeregt trug er ihn nach Hause, um ihn dort in Ruhe zu lesen. Er setzte sich in seinen Lieblingssessel, machte den Brief behutsam auf und las: "Lieber Freund, viele Jahre ist es her, seit wir uns zuletzt gesehen haben, ich war viel unterwegs, doch jetzt kehre ich in unser Dorf zurück. Hoffentlich wohnst du noch auf deinem Bauernhof, denn wenn ich im nächsten Monat zurückkomme, würde ich dich gerne besuchen." Der Mann stieß einen kurzen Freudenschrei aus. Sein Freund wollte wieder zurück ins Dorf kommen - sein Freund, mit dem er immer so gut reden konnte. Sicherlich würde er bald nach seiner Ankunft bei ihm auftauchen. Aber als er an den Zustand seines Zufahrtweges dachte, erhielt seine Freude einen Dämpfer. Wenn sein Freund den Weg sah, würde er sicherlich umkehren und annehmen, dass der Bauernhof nicht mehr bewohnt sei. Schnell rechnete er aus, wie viel Zeit ihm noch bis zur Ankunft seines Freundes bliebe. Und dann machte er einen Plan, wie er den Weg in dieser Zeit in Ordnung bringen könnte. In den folgenden Tagen rodete er das Unkraut und die Büsche, räumte Steine vom Weg, ebnete die Rillen und Hügel ein und bestreute schließlich die Auffahrt mit Kies, so dass ein Besucher nun mühelos zu ihm gelangen konnte. Und wirklich, gerade als er fertig war und sich seine Arbeit wohlgefällig betrachtete, da kam ihm sein Freund auf dem Weg entgegen.
Der Weg als Bild für die Beziehungen zwischen den Menschen
Sicherlich fällt es auf: Der Zufahrtsweg des Mannes in unserer Geschichte ist ein Symbol für seine Beziehungen zu anderen Menschen. Je mehr er sich von anderen zurückzieht, je gleichgültiger sie ihm werden, desto mehr verkommt der Weg. Wer ihn am Ende dieser Entwicklung besuchen wollte, der musste schon einige Mühen auf sich nehmen, um ihn zu erreichen. Aber da passiert etwas, das ihn veranlasst, den Weg freizumachen: Sein Freund kündigt per Brief seine Rückkehr an. Die Freude über diese Nachricht, die Erwartung der Ankunft seines Freundes bringen den Mann dazu, all die Hindernisse, die Verbitterungen und Enttäuschungen zur Seite zu räumen und den Weg so herzurichten, dass man jetzt bei ihm ankommen kann. Der Weg als Zeichen für das Verhältnis von Menschen zueinander ist ein altes Bild. Heute begegnet es uns im Evangelium in der Predigt des Johannes. (Lk 3,1-6)
Haltet eure Wege in Ordnung
Johannes, der ja der Wegbereiter Jesu genannt wird, ruft den Menschen zu: Bekehrt euch, ändert euer Leben, geht nicht mehr weiter auf krummen Wegen. Hört auf, euch selbst und anderen Steine in den Weg zu legen. Helft mit, Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Sucht nach Möglichkeiten, Abgründe zu überwinden. Seht zu, dass ihr untereinander in Verbindung bleiben könnt, und haltet den Weg frei für Gott, der bei euch ankommen möchte. Er macht sich auf den Weg zu uns. Er kommt nicht wie eine Dampfwalze, die jeden Widerstand überrollt. Er nimmt nur solche Wege, die man für ihn freimacht. Gott sagt: Ich möchte bei dir ankommen. Wird er uns zugänglich finden?