16. Januar 2005
2. Sonntag im Jahreskreis
Hunger und Durst

In jenerZeit sah Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, um Israel mit ihm bekanntzumachen. Und Johannes bezeugte: Ich sah, daß der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. Das habe ich gesehen, und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes. Joh 1,29-34)

Wissen sie, wie einen Esel, der keinen Durst hat, trotzdem zum Trinken bewegen kann? Soll man es mit einem Stock versuchen? Das würde einen Esel wenig scheren. Soll man ihm Salz zu schlucken geben? Das wäre Tierquälerei. Aber wie ihn dann dazu bringen, freiwillig zu trinken? Es scheint nur eine Lösung zu geben: Man muss einen durstigen Esel herbeischaffen, der ausgiebig, mit großem Genuss und Behagen an der Seite seines Artgenossen aus dem Eimer trinkt. Aber ohne jedes Theater, einfach, weil er Durst hat, einen großen unstillbaren Durst. Das wird seinen Eselkollegen nicht unbeeindruckt lassen. Die Lust wird ihn packen, selbst das Maul in den Eimer zu stecken und in tiefem Zug das erfrischende Wasser zu schlürfen. So erzählt uns eine kleine Parabel. Und der Erzähler endet: "Menschen, die Hunger und Durst nach Gott haben, sind für ihre Mitmenschen eine bessere Predigt als viele erbauliche Reden."

Alle Menschen haben Hunger und Durst. Ich meine hier einen anderen Hunger und Durst. Nicht Hunger auf einen knusprigen Schweinebraten, nicht Durst auf ein schönes Glas Bier oder Wein - das alles darf sein, doch das meine ich jetzt nicht.

Haben wir eigentlich, habe ich noch einen Durst und einen Hunger, die tiefer in uns bohren, die uns unruhig werden lassen, die uns auf die Suche schicken? Haben wir überhaupt noch Sehnsucht? Sehnsucht nach Glück, nach Lebendigkeit, nach Erfüllung - Sehnsucht nach Gott? Viele Menschen haben keine Sehnsucht, weil sie meinen, schon alles zu haben, bzw. hier auf dieser Welt erreichen können.

In Johannes dem Täufer begegnet uns so ein durstiger, ein hungriger, ein sehnsüchtiger Mensch. Er ist fast so etwas wie ein Symbol für Hunger, Durst und Sehnsucht: gekleidet nur in ein Kamelfell, ernährt er sich nur von Heuschrecken und wildem Honig und vom Wasser des Jordan. So steht er in der Wüste, im dürren, lechzenden Land, um mit seinem Finger, mit seinen Worten auf Jesus und Gott zu weisen. Er geht nicht zu den Menschen, in ihre Dörfer und Städte, sondern er bewirkt, dass sie sich zu ihm auf den Weg machen, in die Wüste, das Land des Hungers und des Durstes. Er bewirkt, dass sie zu ihm kommen, hinaus in die dürre Landschaft, und sich durch ihn, Johannes, hinführen lassen zu ihrem eigenen Durst, zu ihrem eigenen Hunger, zu ihrer tiefen Sehnsucht. Johannes behauptet nicht von sich, dass er den Menschen irgendetwas zu geben habe, das ihren Hunger stillen könnte. Er gibt nicht vor, selbst der Retter zu sein. Seine Aufgabe ist es, die Menschen um ihn herum mit seinem eigenen Durst, mit seiner eigenen Sehnsucht anzustecken und dann auf den zu weisen, der Durst und Sehnsucht zu stillen vermag: "Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt, seht Gottes Sohn!"

Denken wir noch einmal an unseren Esel vom Anfang: Man gebe ihm einen zweiten durstigen Esel an die Seite, und schon wird er seinen eigenen Durst spüren und wie jener trinken. Wir sehen und spüren immer schmerzlicher in unseren Gemeinden, dass immer weniger Menschen den Weg in unsere Kirchen und Gemeindehäuser hineinfinden. Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, junge Familien suchen nichts mehr bei uns, weil sie offensichtlich auch nichts mehr bei uns erwarten. Was ist es, was uns selbst daran festhalten lässt: ja, hier bin ich richtig, hier finde ich, was ich zum Leben brauche? Was ist es, was mir Antwort gibt auf meine Sehnsucht? Was ist es, dass ich meinen Lebensweg mit Gott und mit anderen Gläubigen gehen möchte "Alles beginnt mit der Sehnsucht" - so hat die Dichterin Nelly Sachs einmal gesagt. "Alles beginnt mit der Sehnsucht" -

Sehnsucht ist der Anfang von allem, der erste Schritt, der mich losgehen lässt, der mich neugierig macht, der mich auf die Suche schickt. Und der mich dann hoffentlich auch den entdecken lässt, der mir Antwort gibt auf meine Sehnsucht, der mir nicht weniger zu bieten hat als ein Leben in Fülle. Vielleicht kann uns das Evangelium heute auf eine neue Spur bringen, nämlich die, dass wir nicht schon für alles eine Antwort haben müssen, sondern dass wir jemanden haben, dem wir unsere Fragen stellen dürfen; dass wir nicht satt und zufrieden sein müssen, sondern dass wir jemanden haben, dem wir unseren Hunger und Durst hinhalten können; dass wir nicht unter dem Druck stehen, mit allem müssten wir gut klarkommen, sondern dass wir jemanden haben, dem wir unsere Not anvertrauen können. Wir haben jemanden; wir haben Jesus an unserer Seite, ihn, auf den Johannes heute so überdeutlich zeigt: Seht, schaut hin - das Lamm Gottes, Gottes Sohn.

Wir haben jemanden; wir haben Gott in unserem Leben, der uns kennt, der um uns weiß, der für uns sorgt.

Gehen wir doch in der kommenden Woche einmal ganz bewusst unserem Hunger, unserer Sehnsucht nach. Und richten wir sie ganz auf unseren Gott, den Lebendigen, vielleicht indem wir uns die Worte eines Beters aus dem Alten Testament zu Hilfe nehmen: "Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott." (Ps 42).

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26. Juni 2005
13. Sonntag im Jahreskreis
"Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch

Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist - amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen. Mt 10,37-42

Ein provozierendes Evangelium!

Menschen verachten, um Gott zu preisen? Ich gestehe offen: Dieses Evangelium provoziert mich seit langer Zeit sehr. Ist das nicht so zu verstehen: Wir sollen Vater, Mutter, Sohn und Tochter schön beiseite schieben und ja darauf achten, Gott die Ehre zu geben? Was ist das für ein egoistischer Gott, der so auf seine Ehre durch uns Menschen aus ist? Hört sich das nicht so an, als ob wir uns unbedingt ein großes Kreuz suchen und es hinter Jesus herschleppen müssten, sonst sind wir keine richtigen Christen? Wir sollen auch noch das Leben um seinetwillen wegwerfen. Warum denn? Sind wir doch froh, dass wir leben dürfen!

Dieses Evangelium kann wirklich schnell in den falsche Hals kommen, missverstanden werden und zu Reaktionen führen, wie ich sie eben skizziert habe. Oder man kann es auf die Priester und Ordenschristen beziehen, die ja angeblich alles loslassen sollen.

Wir Menschen sollen weder Vater noch Mutter, noch Tochter und Sohn über Gott erheben, keinen von ihnen zu unserem Gott machen, vergötzen.

Ich glaube, zur Zeit Jesu war die Gefahr größer, dass manche Eltern wie ein Gott vor ihren Kindern aufgetreten sind, so von ganz oben herab. Hie und da kann es das auch bei uns noch geben. Aber bei uns ist oft mehr das Umgekehrte der Fall: Kinder, Söhne und Töchter werden von den Eltern wie kleine Gottheiten verehrt. Für sie ist nur das Allerbeste recht genug. Die Kinder sollen es einmal besser haben wie wir. Alles, was sie wünschen, muss ihnen sofort in Erfüllung gehen. Wehe, wenn sie einmal jemand - ein Lehrer zum Beispiel - härter anfasst. Das ist mein Kind! Was unterstehen sie sich!

Ob wir unseren Kindern tatsächlich so viel Gutes tun, wenn wir sie zu kleinen Menschengöttern machen? Machen wir sie damit nicht unfähig für das Leben? Ich glaube auch nicht, dass wir uns eigens einen große Kreuzbalken suchen und ihn sichtbar einen Kreuzweg schleppen müssen. Auch glaube ich nicht, dass wir das Leben wegwerfen oder gering achten sollen.

Ob nicht dieser Ausdruck "das Leben gewinnen" eher bedeutet: das Leben selber machen, planen, verplanen, so in die Hand nehmen, wie ich das will, selber verfügen über das Leben, keine anderen Kräfte und Geheimnisse mehr akzeptieren wollen. Wer so mit dem Leben umgeht, der wird wohl damit rechen müssen, dass er am Leben vorbeigeht oder zerbricht.

Der Satz "Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf. Wer einen Propheten, einen Gerechten, einen Kleinen aufnimmt, der nimmt mich auf", dieser Satz ermutigt mich, dass ich das Evangelium so verstehen darf: Wer seinen Vater, seine Mutter echt liebt, schätzt, achtet, der liebt in ihnen Gott. Wer seine Tochter, seinen Sohn liebt, auch innig liebt - der liebt in ihnen Gott. Jemanden vergötzen, zu einem Gott machen, das ist etwas ganz anderes. Das hat nichts mit Liebe zu tun. Von daher verstehen wir auch besser das erste Gebot: Du sollst keine fremden Götter neben mir haben.

Wer seinem Mann, seiner Frau in Liebe und Treue begegnet, der liebt im Partner Gott. Ihre Liebe ist ja im Sakrament der Ehe geradezu Zeichen für die Liebe Gottes zu den Menschen. Und wer einfach all das Schwere, das so im Alltag daherkommt, annehmen kann, tragen und durchtragen kann, sich nicht davonstiehlt, der trägt auch am Kreuze unseres Herrn mit. Wir brauchen uns beileibe kein Kreuz suchen. Wir haben genug selber auf dem Buckel und können genug mittragen an den Kreuzen anderer.

Einen Propheten aufnehmen, heißt für mich, wirklich hinhören, wenn ich bei einem Menschen das Empfinden habe: Der sagt, wie es tatsächlich ist, der sagt die Wahrheit. Vom hl. Irenäus stammt das Wort: "Die Ehre Gottes, das ist der lebendige Mensch." Das heißt für mich: Wenn es dem Menschen gut geht, dann geht es auch Gott gut. Er freut sich also, wenn es uns gut geht. Und genau das ist die Ehre Gottes. Wie sich auch Vater und Mutter freuen und es ihnen damit gut geht, wenn es den Kindern gut geht.

Unser Gott ist nicht einer, vor dem wir zittern müssten, der nur darauf aus ist, dass wir ihn ehren, preisen, loben, ihm dienen. Das wäre ein unerträglich selbstsüchtiger Gott. Ganz im Gegenteil. Wenn wir also einen Menschen echt lieben -Vater, Mutter, Sohn, Tochter, einen Propheten, einen Gerechten, einen Kleinen, dann ist das Ehre Gottes. Ist das nicht ein großartiger Gott, an den wir Christen glauben dürfen. Ein Sonntag wie heute macht uns das wieder neu bewusst.

Ich erinnere noch einmal an den spontanen ersten Gedanken vom Anfang: Ein Gott, der so was verlangt - Vater, Mutter verlassen um seinetwillen, Kreuz auf sich nehmen usw. - das muss ein sehr egoistischer Gott sein, mit dem ich nichts zu tun haben will. Heute bin ich froh, dass ich diese ganz andere Seite Gottes in diesem Evangelium entdecken durfte. Ich wünsche auch Ihnen allen, dass sie in diesem Evangelium die Größe Gottes und die Größe des Menschen entdecken dürfen. Die Ehre Gottes, das ist der lebendige Mensch!

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25. September 2005
26. Sonntag im Jahreskreis
"Gehorsam - aufeinander hören"

In diesem Evangelium ist vom Gehorsam die Rede. Beide hören den Wunsch des Vaters, nur das Ergebnis ist unterschiedlich:

Lob des Ungehorsams

Sie waren sieben Geißlein
und durften überall reinschaun,
nur nicht in den Uhrenkasten,
das könnte die Uhr verderben,
hatte die Mutter gesagt.

Es waren sechs artige Geißlein,
die wollten überall reinschaun,
nur nicht in den Uhrenkasten,
das könnte die Uhr verderben,
hatte die Mutter gesagt.

Es war ein unfolgsames Geißlein,
das wollte überall reinschaun,
auch in den Uhrenkasten,
da hat es die Uhr verdorben,
wie es die Mutter gesagt.
Da kam der böse Wolf.

Es waren sechs artige Geißlein,
die versteckten sich, als der Wolf kam,
unterm Tisch, unterm Bett, unterm Sessel,
und keines im Uhrenkasten,
sie alle fraß der Wolf.

Es war ein unartiges Geißlein,
das sprang in den Uhrenkasten,
es wußte, daß er hohl war,
dort hat's der Wolf nicht gefunden,
so ist es am Leben geblieben.

Da war Mutter Geiß aber froh.

Franz Fühmann

Viele Väter und Mütter, Lehrer und Erzieher werden diese Erzählung als unbequem empfinden. Sie leuchtet zwar ein, aber sie passt nicht recht in das pädagogische Konzept. Ja, wo kommen wir hin, wenn wir solchen Gedanken nachlaufen oder sie gar propagieren ? Geht dann nicht alles in der Welt drunter und drüber, wenn jeder tut, was er will? Sollte man eine solche Geschichte nicht besser totschweigen?

Es hat Zeiten gegeben, da haben Vorgesetzte von ihren Untergebenen "blinden Gehorsam" verlangt. (Was sage ich hat , wenn ich mir die Diskussionen, bzw. von beendeten Diskussionen anschaue und anhöre?) Man sollte dem Vorgesetzten, dem Führer, ein solch uneingeschränktes Vertrauen schenken, daß bei allen Anordnungen das Hinsehen und Überprüfen sich erübrigen konnte. Der Vorgesetzte beanspruchte das Recht, für seinen Untergebenen mitzudenken und genau zu wissen, was das Richtige für ihn sei.

Manchmal wurde sogar von "Kadavergehorsam" gesprochen: Der Zu-Gehorchende galt nichts, er hatte meinungslos zu sein, er war wie tot, und ein Toter kann nicht denken und entscheiden. "Das Denken überlassen Sie gefälligst uns."

In Deutschland hat es eine unselige Zeit gegeben, in der viele Menschen gerufen haben: "Führer befiehl, wir folgen!" Sie haben von sich aus ihre Gehorsamsbereitschaft angeboten und auf kritisches Hinterfragen der Führerbefehle verzichtet. Das war auch bequemer so. Dem Volk jedoch ist diese unkritische Einstellung zu seinem Führer bekannterweise nicht gut bekommen; das Ende war Verbrechen, Elend und Untergang.

Es sind aber nicht immer Maschinengewehre, Folter und Konzentrationslager, die Gehorsam erzwingen. Heute sind viel subtilere Formen entwickelt: öffentliche Meinung, Presse, Rundfunk und Fernsehmonopole, heimliches Abdrängen in die Randgruppe, gesellschaftlicher Druck. Da heißt es ganz unverfänglich "man" oder "frau" tut das eben so. Das fängt schon an bei der Mode bis hin zu ganz persönlichen Lebensentwürfen. Zu Tausenden laufen vor allem junge Menschen den vielen Sekten nach. Der einzelne Mensch merkt gar nicht, in welche Richtung er gedrängt und manipuliert wird. Die "geheimen Verführer" sind am Werk und erschleichen sich den Gehorsam ihrer "Objekte". Gehorsam ist hier so selbstverständlich, so angenehm und bequem; er wird gar nicht als etwas empfunden, was den eigenen Gedanken und Plänen zuwiderläuft. Alle Äußerungen der Meinungsbildner werden als mit der eigenen Meinung übereinstimmend, konform empfunden. Man gehorcht dem, man tut das, was alle tun. Von daher sind auch die "restaurativen Tendenzen" in unserer Kirche zu verstehen. Man/frau will nicht denken, will keine Verantwortung übernehmen. Es ist bequemer so. Und dann schwärmen sie von der "guten alten Zeit".

Das eingangs vorgetragenen Gedicht, das uns wohl bekannt ist aus dem Märchen der "Wolf und die sieben Geißlein" trägt die Überschrift: "Lob des Ungehorsams"

Ungehorsam sein kann heißen, aus der Solidarität mit anderen ausbrechen, gegen den Strom schwimmen. Ich möchte an dieser Stelle ganz bewusst auch auf die "Tugend des Ungehorsams" pochen. Es kann auch eine Pflicht zum Ungehorsam geben. Petrus drückt dies so aus: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. (Apg 5,29). Konflikte werden hier angedeutet. Das kann bisweilen schmerzhaft, ärgerlich und verletzend sein. Aber, so fragen viele: Warum soll man sich einen solchen Ärger auf den Hals laden, den dieser berechtigte Gehorsam bringt? Es ist oft leichter, gehorsam zu sein. Und schließlich: ohne Gehorsam geht es nun mal nicht; das gilt für den pädagogischen Bereich und den religiösen Bereich, den Menschen und Gott gegenüber. Aber was heißt eigentlich: Gehorsam wirklich?

Hören lernen

Er ist für mich als eine christliche Tugend auf dem Weg vom Versprechen zum Tun im Alltag ganz wichtig. Leider hat diese Tugend aus oben erwähnten und anderen Gründen in unserer Zeit einen fauligen Beigeschmack bekommen. Jeder weiß, wie sehr mit der Berufung auf den Gehorsam Missbrauch betrieben wurde. Und dennoch steckt in diesem Wort mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Im Gehorsam steckt das Wort hören. .

Wir sind es gewohnt, selbst zu reden und unsere Worte für wichtiger zu halten als die der anderen. Wenn ich mich nach einem Gespräch nur an das erinnern kann, was ich selbst erzählt habe, dann war ich offenkundig ein schlechter Zuhörer. Leider gibt es heute nur wenig gute Zuhörer. Viele Menschen kommen zu mir in den Beichtstuhl und sagen zum Schluss: "Danke, daß Sie mir zugehört haben." Wer nimmt sich denn heute noch Zeit, jemanden zuzuhören? Gehorsam bedeutet für mich an erster Stelle, mich in die Haltung eines Menschen einzuüben, der hören kann. Hören auf Gott, hören auf die Mitmenschen, hören auf die "innere Stimme", hören auf das, was mein Leib mir sagen will.

Diesen Gehorsam kann man auch lernen, indem man/frau versucht, ihn einzuüben. Er hilft mir, daß aus der Spannung zwischen dem Anspruch meines Glaubens und der Wirklichkeit meines Lebens kein Gegensatz wird. Ich möchte drei Übungen zum Gehorsam vorschlagen:

1. Übung: Auf Gott hören

Es ist wichtig, sich täglich von Gott ansprechen zu lassen. Es gibt viele Möglichkeiten, die sich ganz nach unserer Lebenssituation richten können. Auch wenn jemand wenig Zeit hat, so kann er oder sie doch den Spruch aus der Heiligen Schrift, der auf dem Kalender steht, lesen und einige Minuten darüber nachdenken. Vielleicht kann das Evangelium vom Sonntag zum Begleiter für die Woche werden. Ich lese den Schrifttext und lasse ihn auf mich einwirken. Ich denke darüber nach, was er mir in meiner Situation sagen kann. Ich werde still. Ich spreche ein Gebet. In dieser schlichten Form der Schriftmeditation werde ich ganz ein Hörender. Und es ist schön, auf die Stimme Gottes zu hören. Wann habe ich zuletzt eine Bibel in der Hand gehabt? -

2. Übung: Aufeinander hören

Der heilige Benedikt empfiehlt in seiner Regel den Mönchen, sie sollen einander in aller Liebe und mit Eifer gehorchen. Aufeinander hören beginnt damit, den anderen zu Wort kommen zu lassen, ihm wirklich zuhören zu wollen. Aufeinander hören bedeutet darin, über die Gedanken des anderen nachzudenken.

Vielleicht hat er mir auch etwas zu sagen, das mich weiterbringt aber auch stört. Wie viel können wir voneinander lernen! Wenn das eine bewusste Haltung unserer Persönlichkeit wäre, hätte das nicht nur positive Auswirkungen auf unser Zusammenleben, sondern auch auf unsere persönliche Entwicklung. Wenn ich auf den anderen höre, nehme ich mich selber zurück, damit einer meiner Mitmenschen Raum in mir gewinnt. Und nicht selten kann ich dabei die Erfahrung machen, daß mich das verändert und bereichert.

3. Übung: Auf die "innere Stimme", auf meinen Leib hören

In der dritten Übung geht es darum, sich selbst gegenüber gehorsam zu sein. Konkret geht es darum, auf meine "innere Stimme" und auf meinen Leib zu hören. Es muss nicht erst eine Krankheit sein, die mich wieder sensibel macht für die Sprache meines Leibes. Es gibt auch andere Anzeichen: Nervosität, Verspannung, Kopfschmerzen und anderes können mich darauf aufmerksam machen, daß irgendetwas nicht stimmt. Und zwar nicht nur mit meinem Leib, sondern auch mit meiner Seele. Umgekehrt empfiehlt es sich, beizeiten Entspannung einzuüben, eine Pause einzulegen, sich Zeit für einen Spaziergang und zum Nachdenken zu nehmen. Wenn ich mich selbst blockiere, kann ich auch kein Hörender sein im Umgang mit meinen Mitmenschen und mit Gott.

Zum Hören auf meinen Leib nehme ich noch das Hören auf meine "innere Stimme" , auf meine Intuition, dazu. Es lohnt sich, die "innere Stimme" bewusst wahrzunehmen. Oftmals regen sich bei einer Begegnung oder vor einem Ereignis intuitive Wahrnehmungen, die uns erst später bewusst werden. Mir scheint, in unserem Inneren sind wir wesentlich sensibler und wahrnehmungsfähiger, als unser Verstand und unser Bewusstsein uns glauben machen wollen. Manche Übungen, wie z. B. ein Tagebuch zu führen oder sich schreibenderweise über eine Situation klarzuwerden, können helfen, der "inneren Stimme" zum Durchbruch zu helfen. Im Evangelium hörten wir von dem Sohn, der die Bitte seines Vaters, im Weinberg zu arbeiten, hört und bejaht, dann aber doch nicht hingeht. So wie der Sohn sein "Jawohl, Herr" sagt, so sagen wir doch in unseren Gottesdiensten auch immer wieder "Amen" so sei es. Und wie bei dem Sohn kennen wir die Gefahr, daß es beim bloßen Bekenntnis bleibt.

Die Tugend des Gehorsam, die Haltung des Hörens möchte die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Wort und Tat überwinden helfen. Das Ziel ist die Tochter oder der Sohn Gottes, welche ja sagen und den Willen des Vaters in einem Leben aus dem Glauben auch tun.

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06. November 2005
32. Sonntag im Jahreskreis
"Seid wachsam!"

Dann wird es mit dem Himmelreich sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen. Fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl, die klugen aber nahmen außer den Lampen noch Öl in Krügen mit. Als nun der Bräutigam lange nicht kam, wurden sie alle müde und schliefen ein. Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen! Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen zurecht. Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus. Die klugen erwiderten ihnen: Dann reicht es weder für uns noch für euch; geht doch zu den Händlern und kauft, was ihr braucht. Während sie noch unterwegs waren, um das Öl zu kaufen, kam der Bräutigam; die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal, und die Tür wurde zugeschlossen. Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen: Herr, Herr, mach uns auf! Er aber antwortete ihnen: Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde. Mt 25,1-13

Jesus hat bekanntlich in seiner Zeit viel Widerspruch geerntet. Nicht zuletzt auch deswegen, weil er in seiner Botschaft weniger den richtenden, strafenden, rächenden, allherrschenden, unerreichbaren und unnahbaren Gott, den alleinigen Herrn Israels verkündet hat. Seine Botschaft erreicht ihre Sinnspitze im Gleichnis von barmherzigen Vater, der stets auf die Umkehr und die Zuwendung der Menschen wartet. Das macht ihn auch für viele von uns so sympathisch. Klingt da nicht das heutige Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen als Widerspruch mit der Aussage: "Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht." Wo bleibt da die Liebe , die Jesus sonst immer in Wort und Tat verkündet und auch einfordert? Was meint Jesus wohl mit dieser so hart klingenden Aussage? Hat er es vielleicht gar nicht so gemeint?

Die Situation ist ganz klar: Mit dem Hochzeitsmahl meint Jesus das Reich Gottes. Alle zehn Jungfrauen sind eingeladen. Der Herr lässt auf sich warten. Als der Ruf erschallt: "Geht ihm entgegen!" waren fünf bereit und fünf nicht. Jesus stellt fest: Die einen kommen hinein, die anderen müssen draußen bleiben. Ich frage noch einmal: Passt diese scheinbare Härte und Unerbittlichkeit zur Botschaft Jesu und zu dem, wie er selber mit den Menschen umgegangen ist?

Eines sagt uns Jesus mit diesem Gleichnis sehr deutlich: Das Leben ist nicht der Beliebigkeit unterworfen, und es ist kein Spiel. Es ist ein einmaliges und unwiederholbares Geschenk, von Gott dem Vater. Er hat es uns gegeben, und einmal werden wir darüber Rechenschaft ablegen müssen, wie immer diese Rechenschaft auch einmal aussehen wird.

Mit dem Bild von der Lampe und vom Öl wird dies alles verdeutlicht: Die Lampe ist die Gabe, das Geschenk der Freundschaft mit Gott, gegeben aus freien Stücken in Taufe und Firmung.

Das Öl ist Sinnbild für unseren Glauben, unsere Hoffnung und Liebe. Dieses Öl erst ist Voraussetzung dafür. dass unser Vertrauen zu Gott brennen kann. Der Sinn und Zweck eines christlichen Lebens besteht letztlich darin, dieses Öl anzusammeln, denn niemand weiß, wann der Herr kommt. Vielleicht mag folgendes Gespräch zwischen dem Heiligen Philipp Neri und einem Studenten dies verdeutlichen:

Philipp Neri traf einmal einen Studenten und redete ihn an:. "Wie geht's?" Und der antwortete: "Ich stehe kurz vor der Prüfung und hoffe, dass ich sie bestehe." - "Und was machst du dann?" - "Ich will Rechtsanwalt werden. Alle Leute sagen, ich sei für diesen Beruf wie geschaffen." - "Und dann?" - "Ich werde mir als Rechtsanwalt einen Namen machen; dann kann ich heiraten und ein Haus einrichten und ein reicher Mann werden." - "Und dann?" - "Schließlich, so hoffe ich, werde ich am Gericht in Rom einen hohen Posten bekommen." - "Und dann?" - "Dann werde ich mich eines Tages mit einer hohen Pension zur Ruhe setzen." - "Und dann?" - "Dann? Ja , dann werde ich wohl eines Tages sterben müssen." Und nun, so ist es überliefert, zog der Heilige den Kopf des jungen Mannes ganz nah zu sich heran und flüsterte ihm ganz leise ins Ohr: "Und dann?" Der junge Mann hat dieses Gespräch seiner lebtaglang nicht mehr vergessen.

Damit endet die Geschichte, die sich übrigens genau so gut in unseren Tagen hätte ereignen können. Das Wichtigste blieb zwar unausgesprochen, doch dem jungen Mann ist eines schlagartig klar geworden: Am Ende meines Lebens zählt es nicht, ob ich Karriere gemacht und mir als Rechtsanwalt einen Namen gemacht habe, ob ich gut verheiratet gewesen bin und wie hoch meine Pension war. Am Ende zählt nur eines: Bin ich auf Jesu Kommen vorbereitet oder nicht, sprich: Habe ich, wie die fünf klugen Jungfrauen, im entscheidenden Augenblick einen ausreichenden Ölvorrat in meinem Krug oder nicht? Habe ich auch was getan für meine Beziehung zu Gott? Wer unvorbereitet ist, wie die fünf Törichten, muss draußen bleiben. Die Tür wird eines Tages zugeschlossen. So steht es schwarz azuf weiß da. Jetzt wenden sie bitte daher nicht ein: "Das klingt aber nun doch etwas zu hart. So hart kann Gott doch gar nicht sein."

Es geht in diesem Fall doch nicht darum, ob Gott hart ist oder nicht. Es geht einzig und allein darum: Alle Zehn sind eingeladen in sein Reich. Keine/R ist ausgeschlossen. Alle haben ihre Lampen bekommen! Was kann denn dann Gott dafür, wenn einige kein Öl bei sich haben. Ja, soll er denn für alles sorgen? Ja, ist es denn ungerecht und hart, wenn Gott einem die Freiheit lässt, zu tu und lassen, was er oder sie will?

Es gibt viele, die da sagen: Ich habe nichts gegen Gott und auch nichts gegen die Kirche und zahle deswegen auch meine Kirchensteuer. Ich tue auch nichts böses und bringe auch keinen um. Aber deswegen muss ich doch nicht gleich in die Kirche rennen und beten. Ich bin auch so ein guter Christ. Aber genügt das? Es mag stimmen, dass viele Menschen nichts gegen Gott und die Kirche haben, aber sie haben auch nichts für ihn übrig. Um im Bild zu sprechen: Was nützt die schönste Lampe und sei sie aus einem noch so edlem Material und reich verziert, aber wenn kein Öl drinnen ist. Im Klartext heißt das: Was nützt es mir, wenn ich getauft und gefirmt bin und vielleicht sogar noch einmal pro Jahr zum Beichten und vielleicht auch an den hohen Festtagen in die Kirche gehe? Ansonsten "koche ich meinen Glauben auf Sparflamme." Reicht das? Brennt da was in mir oder ist es nicht eher eine verlöschende Glut?.

Jesus verkündet keine Drohungen und keine Drohbotschaft. Ich möchte das hier auch nicht tun. Aber so viel ist klar. Er verkündet die Botschaft vom liebenden und menschenfreundlichen Gott, der aber ernst genommen werden will und nicht der Beliebigkeit des Einzelnen anheim gestellt ist. Wenn sich zwei Menschen wirklich lieben, dann gehört da auch Ernst dazu, damit daraus eine wirklich tiefe und anhaltende Liebe wird. Wenn sich ein Partner wenig um den andern kümmert, ein sogenanntes "Bratkartoffelverhältnis" pflegt, d.h., das Verhältnis zum ihm oder ihr auf "Sparflamme"kocht und dann sagen würde: "Du, ich hab dich gern!"

Was würde er oder sie darauf für eine Antwort kommen? Vielleicht doch die: "Wenn du dich so wenig um mich kümmerst, und wenn du hundertmal sagt, dass du mich liebst und mich gern hast, dann kannst du mich gern haben!" So wie die Liebe zum Partner eine regelmäßige Pflege braucht, so ist das auch mit der Beziehung zu Jesus Christus. Auch sie will gepflegt sein.

"Seid wachsam!" ist keine i Drohung. Es ist die Aufforderung und Ermunterung, in Kirche und Gesellschaft ernst zu machen mit der christlichen Botschaft. "Seid wachsam!" heißt: in Gebet und in Werken der Liebe zum andern "Ölvorräte" zu sammeln. Es kann nämlich schon einmal passieren, dass wir, wie die Jungfrauen, einschlafen, nicht immer hellwach sind. Aber wenn wir genügend "Ölvorräte" gesammelt haben, dann brauchen wir die Aussage: "Ich kenne euch nicht!" nicht zu fürchten, weil wir dann im entscheidenden Augeblick nicht auf dem "Trockenen" sitzen.

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29. Januar 2006
4. Sonntag im Jahreskreis
Besessenheit?

Sie kamen nach Kafarnaum. Am folgenden Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte. Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten. In ihrer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes. Da befahl ihm Jesus: Schweig und verlaß ihn! Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei. Da erschraken alle, und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl. Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa. Mk 1, 21-28

Der Evangelienabschnitt des 4. Sonntags im Jahreskreis, zeigt uns, dass Jesus schon von seinem ersten öffentlichen Auftreten an in der "Vollmacht Gottes" redete und handelte. Was er lehrte, muss so außergewöhnlich gewesen sein, dass die Zuhörer davon tief betroffen waren. Den einen Mann aber, der zu schreien anfing, regten Jesu Worte offensichtlich auf. Hatte er so böse Gedanken in seinem Herzen, dass es ihm gegen den Strich ging, was Jesus sagte? Im Text wird deutlich, dass sich der unreine, böse Geist in ihm dagegen wehrte; denn der Mann wurde ja als ein Besessener angesehen. In früherer Zeit glaubte man nämlich, dass Dämonen und böse Geister von Menschen Besitz ergreifen könnten. Und wenn die Ursachen ihrer Krankheit nicht bekannt waren, wurden sie oft als Besessene angesehen. Wir "aufgeklärte" Menschen sind heutzutage bei dem Begriff "besessen" etwas vorsichtiger. Zu viel Schindluder wurde mit diesem Begriffe getrieben mit teilweise verheerenden Folgen.

Wir müssen jedoch festhalte: Aber auch in unserer Zeit gibt es Krankheiten, die Menschen und ihr Verhalten verändern. Sie sind dann krank, aber nicht besessen. Doch wissen wir auch, dass Leute von Ehrgeiz, Geldgier oder Machtgier geradezu besessen sein können. Sie können an gar nichts anderes mehr denken. Sie sind davon gefangen. Gerade sie sollte Jesus davon befreien; denn sie richten viel Unheil damit an.

Wenden wir uns wieder dem Evangelium zu. Bei der Befreiung des Mannes von seinem bösen Geist geht es ziemlich dramatisch zu. Der da aus dem Besessenen spricht, wehrt sich gegen Jesus und die Macht, die von ihm ausgeht. Merkwürdigerweise weiß er, dass Jesus der "Heilige Gottes" ist, und er spürt, dass er gegen ihn nicht ankommt. Doch bevor er klein beigibt, zieht er noch eine tolle Schau ab, wie wir dazu sagen würden, unter der jedoch der Mann, den er verlässt, leiden muss.

Auch wenn uns der Text seltsam und nicht in unsere Zeit passend vorkommt, müssen wir doch sehen, dass es im Weltgeschehen viel Böses gibt und seine Macht groß ist. Denken wir nur daran, wie viele Kriege es gibt und was Menschen sonst einander im Großen und im Kleinen antun. Beispiele erübrigen sich an dieser Stelle wohl. Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass auch in uns selber das Gute und das Böse manchmal um die Macht streiten. Sagt uns doch unser Gewissen meist recht deutlich, was richtig ist und was wir tun sollten. Trotzdem tun wir oft genau das Gegenteil. Wir sagen dann doch auch selber von uns: "Da hat mich der Teufel geritten." Jesus wird auch uns deshalb immer wieder beistehen müssen, damit wir uns für das Gute entscheiden können.

Wo uns das gelingt, sind wir auf dem richtigen Weg. Ähnlich wie Jesus bewirken wir - ob wir es wissen oder nicht - im Namen Gottes etwas Gutes. Und dadurch verändert sich da, wo wir leben, etwas zum Besseren. Das ist doch etwas! Schon Kleinigkeiten wie ein freundlicher Gruß für einen Nachbarn, den wir sonst einfach übersehen, können viel bewirken; oder das Ertragen einer Macke des Arbeitskollegen; oder das geduldige Hinnehmen des Quengelns des Kindes, das sonst zum "Aus-der-Haut-Fahren" reizt; oder der Besuch bei einem alten oder kranken Menschen, der viel allein ist; oder die Bereitschaft, mit dem Gegner zu reden, sie gütlich zu einigen, statt gleich mit dem Rechtsanwalt zu drohen... Wir alle, die Großen und die Kleinen, können dazu beitragen, dass um uns herum ein guter Geist herrscht und bei Konflikten das Böse nicht überhand nimmt. Doch bei allem Reden über das Böse wollen wir das Gute nicht vergessen, das überall in der Welt und auch durch uns bereits geschieht. Und wir wollen dankbar das bemerken, was andere uns an Gutem tun, und uns darüber freuen und das Gute weitergeben.

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19. Februar 2006
7. Sonntag im Jahreskreis
Strafe muss sein

So spricht der Herr: Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die Steppe und Straßen durch die Wüste. Das Volk, das ich mir erschaffen habe, wird meinen Ruhm verkünden. Jakob, du hast mich nicht gerufen, Israel, du hast dir mit mir keine Mühe gemacht. Du hast mir mit deinen Sünden Arbeit gemacht, mit deinen üblen Taten hast du mich geplagt. Ich, ich bin es, der um meinetwillen deine Vergehen auslöscht, ich denke nicht mehr an deine Sünden. Jes 43,18f.21f.24b-25

Ja, so ist das im Leben: Von frühester Kindheit haben wir es gelernt: Für Fehler muss man büßen. Strafe muss sein. Wer Schuld auf sich geladen hat, der muss bezahlen, der wird bestraft. Ich denke, wir alle kennen solche Situationen: Da hat jemand etwas weggenommen, was ihm nicht gehört hat - da hat jemand gelogen - da hat jemand seine Geschwister verärgert, verletzt, und so fort und dafür sind wir schon als bestraft worden. Solche Momente sind peinlich - deshalb führen wir sie hier nicht auf. Und selbst wenn man etwas getan hat, das nicht ausdrücklich verboten ist, so spüren wir doch in unserem Inneren, wenn es nicht in Ordnung ist. Und dann, um die Schuld soweit möglich wieder gutzumachen, wird man bestraft. Natürlich macht das das Böse nicht ungeschehen, aber die Strafe soll helfen, die Menschen zu bessern bzw. andere davon abschrecken, dasselbe zu tun.

Autofahrer, die andere durch zu schnelles Fahren oder Alkohol am Steuer andere und sich selbst gefährden, bekommen einen Strafzettel und müssen einen Geldbetrag bezahlen und gegebenenfalls sogar den Führerschein für einige Zeit abgeben. Und wer schlimme oder gefährliche Dinge angestellt hat wie schwerer Diebstahl, Raub oder Mord, der muss sogar ins Gefängnis. Denn, so sagen wir Menschen: Strafe muss sein! Wo kämen wir denn hin, weder jeder ungestraft Dinge tun oder unterlassen kann, die die anderen bedrohen. Stimmt doch?

Im Text der ersten Lesung zum 7. Sonntag im Jahreskreis aus dem Propheten Jesaja steht, dass Gott aber ganz andere Maßstäbe anlegt als wir Menschen: Es ist unglaublich, aber Gott will sein Volk nicht mit Strafen bessern, sondern dadurch, dass er die Schuld vergibt. Er will an das Vergangene nicht länger denken, er will nicht mit unseren Sünden belästigt werden, die uns immer festlegen und festhalten wollen, so dass kein Neuanfang möglich zu sein scheint. Dabei hätte Gott allen Grund gehabt, über sein auserwähltes Volk eine deftige Strafe zu verhängen. Die politisch Mächtigen hatten nämlich nicht auf Gottes Hilfe vertraut, sondern sich mit den Ägyptern verbündet gegen die große Macht der Babylonier. Doch das war eine Fehlentscheidung, und so eroberten die Babylonier Jerusalem, ließen die Stadt und den Tempel in Flammen aufgehen und verschleppten die Oberschicht der Bevölkerung. Wie konnte Gott eine solche Katastrophe zulassen? Und dann erlebten die Israeliten in Babel eine Religion mit riesigen Tempelanlagen und großartigen Götterprozessionen. Kein Wunder, dass sie dachten, Gott hätte sie vergessen. Und das Volk meinte zu Recht, dass Gott sie vergessen habe. Strafe muss eben sein!

Doch da erinnert sie der Prophet, dass schon etwas Neues wächst, dass sich eine Veränderung zeigt, dass das Volk zurückkehren darf ins Gelobte Land; denn Gott will die Schuld vergeben, damit die Menschen frei und aufrecht leben können - und damit wir großzügig denen gegenüber sein können, die unsere Vergebung brauchen.

Das erinnert mich an eine Geschichte eines jungen Mannes, der eine große Dummheit gemacht hatte und dafür einige Jahre ins Gefängnis musste. Im Laufe der Zeit war der Kontakt mit seinem Zuhause immer seltener geworden. Und als nun -nachdem er für seine Schuld gebüßt hatte - seine Entlassung anstand, gingen ihm viele Fragen durch den Kopf. Wie wird es wohl werden, wenn er nach Hause kommt? Werden seine Verwandten ihn wieder aufnehmen? Oder sind sie immer noch böse auf ihn und wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben? Davor hat er große Angst. Und am liebsten möchte er ihnen dabei auch nicht in die Augen sehen müssen.

Nun sitzt er im Zug, der zu seinem Heimatort fährt. Die Frau, die das Abteil mit ihm teilt, merkt ihm seine große Anspannung an und fragt, was ihn denn so nervös macht. Da erzählt er ihr seine Geschichte ... "Wissen Sie, und deshalb habe ich meine Verwandten gebeten, mir ein Zeichen zu geben. Ich könnte die Schande nicht ertragen, von ihnen davongejagt zu werden." - - - "Und was sollen sie tun?" -, fragte die Frau teilnahmsvoll. - -"Auf dem Hügel vor unserer Stadt steht ein Apfelbaum. Der Zug muss daran vorbeifahren, bevor er in den Bahnhof einläuft. ich habe sie gebeten, ein gelbes Band in den Baum zu hängen, wenn ich heimkehren darf. Wenn nun kein Band im Baum hängt, werde ich weiterfahren und mein Zuhause für immer vergessen."

Gespannt starrte der Mann aus dem Fenster - und die Frau mit ihm. Dann schien ihn der Mut zu verlassen. "Können Sie mir sagen, was Sie sehen, wenn der Baum in Sichtweite kommt", bat er und schloss die Augen - so groß war seine Angst vor der Enttäuschung. Da spürte er die Hand der Frau sanft auf seinem Arm. " Sie können die Augen ruhig öffnen - der Apfelbaum ist mit 1000 gelben Bändern behängt. Ich glaube, hier blüht ihnen restloses Verzeihen. Sie können getrost aussteigen. Sie sind sicher willkommen!"

Jesus hat diese Botschaft des Propheten ganz ernst genommen und die Vergebung Gottes den Menschen immer wieder zugesprochen. Auch wenn die Schuld einen noch so niederdrückt, ja sogar lähmt, er verzeiht. Wo wir empört auf die Fehler des anderen zeigen streckt er die Hand zur Vergebung entgegen. So auch im heutigen Evangelium: Zu wissen, dass ihre Schuld vergeben ist, das kann Menschen so glücklich machen, dass sie einfach aufstehen und weggehen - und nicht mehr an das Frühere denken. Und das wünsche ich uns allen.

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9. April 2006
Palmsonntag
Was die Afrikaner von der Palme sagen

Durch eine Oase ging ein finsterer Mann, Ben Sadok. Er war so gallig in seinem Charakter, dass er nichts Gesundes und Schönes sehen konnte, ohne es zu verderben. Am Rande der Oase stand ein junger Palmbaum im besten Wachstum. Der stach dem finsteren Araber ins Auge. Da nahm er einen schweren Stein und legte ihn der jungen Palme mitten in die Krone. Mit einem bösen Lachen ging er nach dieser Heldentat weiter.

Die junge Palme schüttelte sich und bog sich und versuchte, die Last abzuschütteln. Vergebens. Zu fest saß der Stein in ihrer Krone. Da krallte sich der junge Baum tiefer in den Boden und stemmte sich gegen die steinerne Last. Er senkte seine Wurzeln so tief, dass sie die verborgene Wasserader der Oase erreichten, und stemmte den Stein so hoch, dass die Krone über jeden Schatten hinausreichte. Wasser aus der Tiefe und die Sonnenglut aus der Höhe machten eine königliche Palme aus dem jungen Baum.

Nach Jahren kam Ben Sadok wieder, um sich an dem vermeintlichen Krüppelbaum zu erfreuen, den er verdorben. Er suchte vergebens. Da senkte die stolzeste Palme ihre Krone, zeigte den Stein und sagte: "Ben Sadok, ich muss dir danken. Deine Last hat mich stark gemacht." Franz Gypkens

Am heutigen Palmsonntag hören wir zunächst den triumphalen Einzug Jesu nach Jerusalem. Die Palmzweige in den Händen der jubelnden Menschenmenge werden als Zeichen des Sieges und des Triumphes geschwenkt. Dann hören wir die Leidensgeschichte mit dem Tod Jesu am Kreuz..

Der Stein steht für Last, für Leid und Kreuz, das einem anderen auferlegt wird. Jesus selber musste es am eigenen Leib und in der eigenen Seele erfahren: es gibt viel Leid in der Welt, für das menschliche Hände, Fanatismus und menschliche Bosheit verantwortlich gemacht werden müssen. Leider gibt es das immer wieder, dass Menschen nur deswegen so schwer zu tragen haben, weil es andere nicht ertragen können, wenn es ihnen gut geht. Dies ist noch schwerer zu ertragen, als anderes Leid, das nicht durch menschliches Verhalten in die Welt gebracht wird, die Naturkatastrophen im Großen und die Katastrophen aber auch im Kleinen, die nicht minder leicht sind, wenn sie über einen hereinbrechen. Da wissen wir dann oft nicht mehr weiter. Wir fragen nach dem "Warum" und wollen das Leid nicht wahrhaben. Solange es Menschen gibt, haben sie sich daher gegen das Leid gewehrt. Wir dürfen uns auch nie mit dem Leid abfinden, solange es Wege gibt, es zu lindern oder gar zu verhindern. Jede Generation von Menschen hat neue Entdeckungen gemacht, um mit dem Leid fertig zu werden. Aber besiegt wird das Leid nie!

Diese Erfahrung hat die Menschen angeregt, ganz neu über das Leid nachzudenken und nach einem möglichen Sinn zu fragen. Die einen zerbrechen an dieser Frage, die anderen finden Hilfe in der Frage nach dem Sinn des Leidens im Christentum.

Diese Erzählung beschreibt sehr anschaulich, wie das Leid einen Menschen nicht nur unterdrücken kann und verzweifeln lässt. Leid kann einen Menschen auch formen, wenn man das, was einem, gleich ob durch Menschenhände oder durch ein anderes Schicksal auferlegt wird, annimmt, weil es sich beim besten Willen nicht abschütteln lässt. Es ist zwar leicht gesagt, dass man dann den Kopf nicht in den Sand stecken darf. Die Palme hat den Kopf nicht in den Sand gesteckt, sondern ihn der Sonne entgegengehalten, was ihr letztlich zum Segen gereichte. Auf der Suche nach tiefen Quellen erschließen sich neue, ungeahnte Lebenskräfte, die trotz der Last innere und äußere Stärke vermitteln. - Wasser und Sonne.

Herr, Jesus Christus,
du bist das Wasser,
das uns tränkt, und die Sonne,
die uns scheint.
Du kannst Not und Leid
in Wachstum
und Leben verwandeln.

Wir wehren uns gegen das Leid,
das über uns kommt
und uns erdrücken will.
Wir erkennen nicht seinen Sinn
und möchten es deshalb abwerfen.
Wir stöhnen und klagen,
weil es unser Leben stört.

Lass uns von der Palme lernen,
auf der ein schwerer Stein lag.
Sie war dankbar für die Last,
durch die sie groß und stark
und schön geworden war.
Schenk uns ihren Lebensmut
und ihr Verlangen nach dem
Wasser des Lebens
und nach der Sonne
der Gerechtigkeit.
Lass uns in allem Leid
auch deine verwandelnde
Kraft erkennen.

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16. Juli 2006
15. Sonntag im Jahreskreis
Nichts ist zu schwer, sind wir nur leicht

Jesus rief die Zwölf zu sich und sandte sie aus, jeweils zwei zusammen. Er gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben, und er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen. Und er sagte zu ihnen: Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder verlaßt. Wenn man euch aber in einem Ort nicht aufnimmt und euch nicht hören will, dann geht weiter, und schüttelt den Staub von euren Füßen, zum Zeugnis gegen sie. Die Zwölf machten sich auf den Weg und riefen die Menschen zur Umkehr auf. Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie. Mk 6,7-13

Der Wunsch zu fliegen

Zu einem alten weisen Mann kam eines Tages ein Kind und erkundigte sich, ob es fliegen lernen könne. "Jeder, den ich gefragt habe, hat mich ausgelacht und gesagt, fliegen könnten nur die Vögel, die Flügel haben, oder allenfalls die Engel im Himmel", sagte das Kind enttäuscht.

Der alte weise Mann lächelte und erwiderte, auch der Mensch könne fliegen, wenn er nur die Vorschriften beachte.

Das Kind sah ihn ungläubig an. "Ich weiß", sagte es", "es gab einmal einen Mann, der für sich und seinen Sohn je ein Flügelpaar aus Federn anfertigte. Davon habe ich gehört. Aber der Sohn kam der Sonne zu nah, das Wachs auf den Federn schmolz, und er stürzte ab." "Du hast in der Schule gut aufgepaßt", nickte der weise Mann. "Die Geschichte von Dädalus und Ikarus kennst du also. Aber an einen solchen Flug dachte ich eigentlich nicht.'" "Sondern?" Das Kind hing mit gespannter Aufmerksamkeit an seinen Lippen. "Ich dachte an die Freiheit des Menschen, die zum Flug wird, wenn er alles abgeschüttelt hat, was ihn beschwert. Wenn er leicht, federleicht geworden ist, so daß er vom Windhauch emporgewirbelt wird."

"Das verstehe ich nicht!" rief das Kind. "Federleicht soll ich werden? Dabei wiege ich doch 70 Pfund."

Der Weise lächelte versonnen. "Sag mir, welche Dinge dir gehören und dir viel bedeuten." Das Kind begann aufzuzählen: "Mein Fahrrad, mein Fernsehapparat, meine Möbel, meine Bücher, meine Kleider, meine Schallplatten, meine Kassetten, mein Aquarium, meine Briefmarkensammlung, meine..."

"Es ist genug", unterbrach der Weise das Kind. "Hast du auch Wünsche für morgen, wenn du erwachsen bist?"

"Viele!" rief das Kind. "Zum Beispiel wünsche ich mir ein Auto, wenn ich größer bin, ein gemütliches Haus, einen Garten voller Blumen, ein...." "Es genügt", sagte der weise Mann."Wärst du bereit, deine Wünsche zu vergessen - nur den einen nicht, nämlich zu fliegen?"

Das Kind schwieg einen Augenblick, es legte die Stirn in Falten und dachte nach. "Nein", sagte es dann zögernd und leise, "ich glaube nicht, daß ich auf meine Wünsche verzichten möchte. Sie gehören doch zum Leben, und alle haben sie." "Ja", nickte der alte weise Mann, "alle haben sie, und keiner kann auf den Luxus dieser Welt verzichten. Deshalb, mein Kind, deshalb kann deine Seele auch nicht fliegen lernen..."

Hermann Multhaupt

Kinder denken Utopisches. Sie gewinnen ihre Erkenntnisse in ihrer Umwelt und werden angeregt, sich auch das zu wünschen, was andere besitzen und das zu ersehnen, was andere vermögen. Warum sollte ein Mensch nicht auch fliegen lernen ? Der weise Mann aus der Geschichte denkt nicht an das realistische Fliegen. Er versucht, das Träumen des Kindes auf eine andere Ebene zu heben. Er denkt an die Freiheit des Menschen. Sie ist da nicht möglich, wo irdische Dinge uns "beschweren." Das Kind ist nicht bereit, auf all die schönen Dinge zu verzichten, die ihm wichtig erscheinen: Fahrrad, Fernsehapparat, Kleider, Schallplatten, Auto, Haus. "Es gibt so viele schöne Dinge, die einen mitreißen können - wenn man nicht genügend auf den Himmel ausgerichtet ist. Die Erde kann dich hier auf ewig an sich ziehen" (T. Goritschewa).

Diese materiellen Dinge, die an sich nicht schlecht sind, bedürfen der Übersetzung, weil sie für tiefere "Beschwernisse" stehen, die am Fliegen, an der Gotteshingabe und Gottesbegegnung hindern. Gemeint ist das Verlangen, den Grund seines Selbstwertgefühls in der eigenen Leistung und im Erfolg zu suchen; gemeint ist der Versuch, durch Macht und Reichtum sich absichern zu wollen; gemeint ist eine Gesinnung, die dem Ver-dienen einen größeren Stellenwert als dem Dienen zuspricht; gemeint ist eine Lebensgestaltung, die mehr auf das eigene Planen als auf die Fügungen Gottes vertraut; gemeint sind Augen, die nur den Leib, aber nicht die Seele sehen. Darum konnten bei der Verklärung Jesu nur die seine Herrlichkeit schauen, die ganz gläubig waren..

Jesus gibt den Jüngern den Rat, außer einem Wanderstab nichts mitzunehmen. Alles andere "beschwert" sie nur auf ihrem Weg. Je mehr Reisegepäck wir mitschleppen, um so weniger weit kommen wir. Am Ende ist die Belastung möglicherweise so groß, dass wir völlig unbeweglich werden.

"Warum können die Engel fliegen? hat einmal einer gefragt.. "Weil sie sich leicht nehmen."

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06. August 2006
18. Sonntag im Jahreskreis
Verklärung des Herrn
Die Mitte finden


Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. Da erschien vor ihren Augen Elija und mit ihm Mose, und sie redeten mit Jesus. Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte; denn sie waren vor Furcht ganz benommen. Da kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören. Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemand mehr bei sich außer Jesus. Während sie den Berg hinabstiegen, verbot er ihnen, irgend jemand zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei. Dieses Wort beschäftigte sie, und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen. Mk 9,2-10

In Armenien erzählen sich die Menschen folgende Fabel: Ein Mann besaß eine Geige mit einer Saite, über die er den Bogen stundenlang führte, den Finger immer auf der gleichen Stelle haltend. Seine Frau ertrug dieses Geräusch sieben Monde lang in der geduldigen Erwartung, dass der Mann entweder vor Langeweile sterben oder das Instrument zerstören würde. Da sich jedoch weder das eine noch das andere dieser wünschenswerten Dinge ereignete, sagte sie eines Abends, wie man glauben darf, in sehr sanftem Tone: "Ich habe bemerkt, dass dieses wundervolle Instrument, wenn es andere spielen, vier Saiten hat, über welche der Bogen geführt wird, und dass die Spieler ihre Finger ständig hin und her bewegen." Der Mann hörte einen Augenblick lang auf zu spielen, warf einen weisen Blick auf seine Frau, schüttelte das Haupt und sprach: "Du bist ein Weib. Dein Haar ist lang, dein Verstand kurz. Natürlich bewegen die anderen ihre Finger beständig hin und her. Sie suchen die richtige Stelle. Ich habe sie gefunden."

Wir mögen vielleicht heimlich oder offen über diese Geschichte lachen. Aber wird da nicht eine Frage gestellt, die uns zum Nachdenken bringen kann, die Ihnen genauso wie mir gilt? Nämlich: Habe ich in meinem Leben die richtige Stelle gefunden? Habe ich für mein Leben die Mitte gefunden, den Punkt, der alles zusammenhält? Was die Fabel mir weiter sagt, ist folgendes: Ich muss lange Zeit suchen, bis ich diesen Punkt gefunden habe, der mein Leben zusammenhält. Ich muss viele Stellen ausprobieren, zum Klingen bringen, bis sich für mein Leben Harmonie ergibt, bis sich der Klang ergibt, der mein Leben durchträgt und bestimmt.

Ich möchte Sie einladen, einmal einige Stellen in unserem Leben abzuhorchen und zu fragen, ob sie uns Kraft geben, ob sie unser Leben durchtragen.

Ich kenne vielleicht auch Menschen, die gehen total in ihrem Beruf oder in ihrer Aufgabe auf. Da sind z.B. Lehrer aus Leidenschaft darunter. Da ist nichts zuviel, wenn es um den Beruf geht. Ich hatte einmal einen Lehrer, von dessen Unterricht war ich begeistert. Er hat es verstanden, trockenen Stoff so anschaulich zu bringen, dass wir bei der Sache waren. Und ich traue mich zu sagen: Dieser Mensch hat für sein Leben den Punkt gefunden, der sein Leben zusammenhält, der es in Schwingung versetzt.

Ich kenne eine Frau, die mit einem jähzornigen und unausgeglichenen Mann verheiratet ist. Trotzdem, diese Frau ist immer freundlich, bereit zum Gespräch und hat einen Grund zum Lachen. Sie hat mir einmal erzählt: "Ich lebe jeden Tag bewusst. Denn ich weiß: jeder Tag ist ein einmaliges Geschenk für mich. Ich kann mich über Kleinigkeiten freuen!" Da ist ein Mensch, der in seinem Leben bestehen kann, weil er den Tag als Geschenk sieht. Da hat jemand die Kraft, in den vielen Grautönen des Tages noch die Farbtupfer der Hoffnung zu sehen; in dem Einerlei eines Tages noch die Punkte zu spüren, die man sonst selten beachtet: die Kleinigkeiten, die jedem geschenkt werden, die jeder braucht wie das Salz in der Suppe. Und haben wir es nicht auch schon erfahren: Mein Leben wird heil, weil ich einen Menschen gefunden haben, dem ich vertrauen kann?

Haben wir schon einmal gespürt, wie gut es tut, wenn wir sagen können: Es gibt einen Menschen, der mir die Hände vom Gesicht nimmt, der mir Freund ist? Es gibt Menschen, die sagen: "Ich brauche niemanden!" Wie arm sind solche Menschen. Ich glaube schon, dass das Leben ruhiger und lebenswerter werden kann, wenn es einen Menschen gibt, der mich einlädt, an seinem Leben teilzunehmen. Ich glaube schon, dass jeder einen Menschen braucht, der ihm Sympathie schenkt, der Zeit und Platz für ihn hat. ja, in einer echten Freundschaft, in einer gelungenen Partnerschaft kann ein Mensch den Ort finden, der ihn zur Ruhe kommen lässt.

Jeder sucht für sein Leben die richtige Stelle, wie es in der Fabel erzählt wird. Und jeder hat in seinem Leben vielleicht schon erfahren: Was mich über kürzere oder längere Zeit hinweg hält, ist die Freundschaft zu einem Menschen, oder mein Beruf, oder Kleinigkeiten im Alltag. Trotzdem, damit ist mein Leben noch nicht ausgefüllt. Denn wer öffnet mir die Augen für die Farbtupfer meines Alltages? Wer lässt mich Durststrecken in meinem Beruf durchstehen? Wer fängt mich auf, wenn Freundschaft zerbricht und Partner auseinandergehen? Kann für unser Leben das gelten, was Petrus, Johannes und Jakobus für ihr Leben als die Mitte erfahren haben?

Was uns als Evangelium heute verkündet worden ist, will uns sagen: Da sind Menschen herausgerissen worden aus ihrer Einbahnstraße, die sich zwischen Zweifel und Hoffnung hin und her bewegt. Da haben Menschen gespürt: Seit dieser Rabbi aus Nazaret in unser Leben getreten ist, haben wir die Kraft, die uns über Enttäuschungen hinweghilft, die uns weitergehen lässt. Bei diesem Jesus haben Menschen gespürt: Er nimmt mein Leben in die Hand, bei ihm kann ich Mensch werden.

Es heißt im Evangelium: Mose und Elija waren dabei. Und was soll uns da anderes verkündet werden als das: In diesem Jesus ist die Sehnsucht eines ganzen Volkes in Erfüllung gegangen. Gott hat unsere Erde berührt. Gott hat unseren Teufelskreis für alle Zeiten durchbrochen. Ab jetzt gilt nicht mehr, dass ich von meiner Angst hin und her geworfen werde wie eine Nussschale auf dem Meer. Sondern ab jetzt gilt: Auch für mein Leben heißt die Mitte: Gott liebt dich. Auch wenn es in meinem Leben noch so drunter und drüber geht, wenn ich den Boden unter den Füßen verliere, kann ich den Punkt finden, der mein Leben zusammenhält. Gott ist auf unsere Seite getreten in Jesus von Nazaret.

Die Erfahrung der Jünger kann in unserem Leben nachwirken. Denn es gilt weiter: "Auf ihn sollt ihr hören!" Wir sind eingeladen, bei Jesus das immer wieder zu erfahren, was für Petrus, Johannes und Jakobus so wichtig war wie tägliches Brot: Jesus ist es, der mein Leben stimmig macht.

Gut - unsere Welt bleibt natürlich die gleiche. Aber ich bin überzeugt davon, dass dieser Jesus für mich da ist, wenn jeder andere nein zu mir sagt. Ich glaube sicher, dass er mein Leben zusammenhält, wenn es aus den Fugen gerät.

Auf ihn hören, das heißt: Ich nehme für bare Münze, wenn Jesus sagt: "Was ihr dem Geringsten tut, das habt ihr mir getan!" und: "Ich bin bei euch alle Tage!" So, wie wir miteinander umgehen, da kann es durchleuchten, ob Jesus die Mitte unseres Lebens ist. Ich wünsche uns die Erfahrung, dass bei allem, was unser Leben schön und phantastisch, aber auch schwer macht, Jesus mit uns geht!

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3. September 2006
22. Sontag im Jahreskreis
"Daran hängt mein Herz"

Die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, hielten sich bei Jesus auf. Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen. Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Handvoll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt. Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen? Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir. Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen. Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen. Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage: Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein. Mk 7,1-8.14f-21-23

Liebe Christen!

"Daran hängt mein Herz" sagen wir manchmal, wenn uns eine Sache oder Person besonders wichtig ist. Für den einen werden es die Ehe, der Lebenspartner oder die Kinder sein, für den anderen vielleicht die über Jahrzehnte entstandene Briefmarkensammlung, der Dienstagabend im Sportverein, die tägliche Abendbesinnung in der Meditationsecke, der traditionelle Jahresurlaub in einer inzwischen vertrauten schönen Landschaft. Diese Beispiele lassen sich noch weiter fortsetzen. Unser Herz hängt an Personen, die wir lieb gewonnen haben, die uns wichtig sind.

Unser Herz hängt an Dingen, zu denen wir eine besondere Beziehung haben, die unser persönliches Leben lebenswerter machen. Und das ist auch gut so. Unser Leben gewinnt in diesen Beziehungen an Tiefe und Faszination. Und wenn wir in rechter Weise mit ihnen umgehen, dann kann nichts Schlechtes dabei sein im Gegenteil.

Wenn unser Herz an etwas oder jemand hängt, dann zeigen wir, dass wir es mit dieser Beziehung wirklich ernst meinen. Wir sind bereit, diese Personen oder Dinge wichtiger zu nehmen als vieles andere. Das, woran unser Herz hängt, bildet einen wesentlichen Bezugspunkt unseres Handelns. Unser Tun entspringt in solchen Begegnungen und Situationen unserem tiefsten Innern. Und wir sind auch (ganz) bei uns selbst, wenn wir uns auf die Faszination des Gegenübers in rechter Weise einlassen.

Das heutige Evangelium stellt dieser Erfahrung als Kontrast eine andere Haltung entgegen. "Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir" (V. 6), zitiert Jesus den Propheten Jesaja. Er kreidet damit die Haltung der Pharisäer und Schriftgelehrten an. Diese nehmen daran Anstoß, dass Jesu Jünger mit ungewaschenen d. h. nach jüdischem Verständnis mit unreinen Händen ihr Brot essen. Entscheidend für den Glauben ist so gibt Jesus diesem Vorwurf gegenüber zu verstehen nicht das "Lippen-Bekenntnis", nicht das äußere Verhalten. Es geht vielmehr um die Frage, ob an Gott wirklich das Herz hängt, ob von Gott als Zentrum des Glaubens alles andere Verhalten der Menschen seinen Sinn erfährt.

Nimmt Gott einen wichtigen Platz in meinem Leben ein? Bin ich bereit, von ihm her mein Tun und Handeln zu verstehen? Oder benutze ich überlieferte Regeln und Vorschriften nur als "Vorwand", um mein Gewissen zu beruhigen, um mich aber letztlich auf keine tiefe Gottesbeziehung einzulassen? Gott könnte ja etwas von mir wollen oder er könnte sogar mich selber wollen.

Dies sind die Fragen, die das eben gehörte Evangelium ganz konkret an unser Leben heute stellt. Gott und sein Liebes-Gebot stehen im Mittelpunkt der christlichen Botschaft. Von ihnen her sind alle anderen Regeln und Überlieferungen her zu verstehen. Sie können sinnvoll sein, müssen aber immer wieder neu von den Zeitumständen und von der jeweiligen Situation her an Gottes Willen rückgebunden werden. Andernfalls riskieren wir, dass sie zu reinen "Selbstläufern" werden, welche die lebendige Botschaft Gottes mehr verschleiern als hervorheben. Man erfüllt das Gesetz um des Gesetzes willen, weil es halt schon immer so war.

"Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein" (V. 15), sagt Jesus weiter. Nicht die schmutzigen Hände, mit denen wir unter Umständen essen, sind das Problem, nicht diese machen uns "unrein". Die falschen Dinge, an denen unser Herz zu sehr hängt, können zum Problem werden. Dann entstehen "böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft" (v. 21ff) und vielleicht noch andere Untugenden, die das Evangelium hier nicht nennt. So fordert uns der heutige Text aus der Heiligen Schrift auf, die tiefste Motivation unseres Handelns immer wieder zu prüfen und kritisch zu hinterfragen. Steht Gott im Mittelpunkt oder gibt es andere "Götzen", an denen in absoluter Weise unser Herz hängt? Dient alles, was wir aus dem Glauben tun, der Verwirklichung seiner Liebe in der Welt oder geht es um eine reine religiöse Selbstbefriedigung?

Von diesem zentralen Anliegen her müssen wir auch die anderen eingangs genannten Menschen und Dinge deuten nicht um sie abzuwerten, sondern um sie in das rechte Verhältnis zum Zentrum unseres Glaubens zu rücken.

Wenn wir an Gott "unser Herz hängen" und an seiner Liebe wirklich unser Handeln ausrichten, dann können wir auch nicht jener Versuchung erliegen, der die Pharisäer und Schriftgelehrten aus dem Evangelium nachgegeben haben. Sie suchen einen Vorwand, um Jesus und seinen Jüngern unrechtes Verhalten vorzuwerfen. Wenn an Gott wirklich unser Herz hängt, dann kann es uns nicht passieren, dass wir Gebote und Regeln verdrehen und sie für unsere eigenen Zwecke und Ränke ausspielen.

"Nehmt euch das Wort zu Herzen, das in euch eingepflanzt worden ist und das die Macht hat, euch zu retten" (V. 21), mahnt die heutige (zweite) Lesung aus dem Jakobusbrief. Wenn wir uns Gottes Wort "zu Herzen nehmen" das Gott selbst uns eingepflanzt hat und in unserem Herzen "hegen und pflegen", am Leben erhalten will dann verheißt es uns gelingendes Leben. Öffnen wir in dieser Feier unser Herz, damit Gott wirklich und immer mehr zum Mittelpunkt unseres Daseins werden kann.

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22. Oktober 2006
29. Sontag im Jahreskreis
Vom Herrschen und vom Dienen Mk 10,35-45

Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst. Er antwortete: Was soll ich für euch tun? Sie sagten zu ihm: Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen. Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde? Sie antworteten: Wir können es. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde. Doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die diese Plätze bestimmt sind. Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele. Mk 10,35-45

"Bei ARD und ZDF sitzen sie in der ersten Reihe." Fast jedes Kind kennt diesen Slogan. Es stimmt doch: In der ersten Reihe sitzen: Wer möchte das nicht? Den besten Platz ergattern: Wem läge nicht daran? Es ist nur komisch, dass in den allermeisten Kirchen die hinteren Bänke die begehrtesten sind. Aber das nur am Rande.

Zu den Ehrengästen zählen: Wer würde da "Nein" sagen? Dementsprechend wirkt es auch überaus menschlich, wenn zwei Jünger des Jesus von Nazareth ihren Herrn und Meister bitten: "Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen". Wenn man schon mit dem Messias persönlich befreundet ist, dann soll am Ende auch etwas dabei herausspringen. Zumindest ein Ehrenplatz, möglichst im Hofstaat desjenigen, der die Macht hat, der das Regiment führt, dessen Aura auch die Nebenleute in Glanz hüllt.

Viele Herrscher wüssten derart ergebene Wünsche hoch zu schätzen, da ihre eigene Vorrangstellung dadurch erst recht betont würde. Nicht so Jesus von Nazareth. Dieser Mann, den seine Freunde für den lang ersehnten Messias halten, weist das Begehren der beiden Jünger entschieden zurück. Mit deutlichen Worten schiebt er ihrer allzu irdischen Eitelkeit einen Riegel vor. Jesus handelt nicht aus einer momentanen Laune heraus. Nein, er weiß, was er tut. Vor allem spürt er, dass die Erwartungen der Jünger vollkommen in die Irre laufen werden.

Weder die Machtübernahme in Israel noch die Gründung eines neuen Weltreiches steht bevor. Vielmehr wird der Weg, den der Messias zu gehen hat, dornenreich sein, voller Entbehrungen, ohne Glanz. In Jerusalem wartet nicht der Thron auf Jesus, sondern das Kreuz, nicht die Macht, sondern der Tod.

Womöglich ärgert sich Jesus auch über die Einstellung, welche die Jünger an den Tag legen. Sie denken ans Herrschen, nicht ans Dienen. Sie möchten befehlen, nicht ausführen. Sie suchen den Ruhm, nicht die Bescheidenheit. Irgendwie bekannt - oder? Jesus fragt sich vielleicht: Haben die denn gar nicht kapiert, was ich ihnen seit drei Jahren beigebracht habe? Denken sie immer noch in den althergebrachten Bahnen, anstatt die neuen Wege zu sehen, die ich eingeschlagen habe? Wird sich das nie ändern, das menschliche Streben nach Ruhm und Macht?

Jesus hat ja Recht: Der Durchbruch gelingt nur, wenn nicht alle aufs Herrschen erpicht sind, sondern das Dienen verinnerlicht haben. Natürlich nicht als unterwürfige Sklaven, vielmehr als selbstbewusste Helfer derer, die es nötig haben. Natürlich nicht als kriecherische Anpasser, sondern als einfühlsame Begleiter der Enttäuschten. Natürlich nicht im blinden Gehorsam, vielmehr in der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Geist Gottes.

Genau aus diesem Grund schärft Jesus noch einmal ein: "Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein." Der harte Ton, den Jesus anschlägt, hat vielleicht mit seinem Ärger zu tun. Er ist enttäuscht, dass die Jünger seine Botschaft noch nicht so verarbeitet haben, wie er es gewünscht hat. Möglicherweise spielt auch seine langsam wachsende Nervosität eine Rolle. Er ahnt, dass sein öffentliches Wirken dem Ende zugeht, dass in Jerusalem die Entscheidung wartet, und zwar nicht als fröhliches Happening, sondern als schmerzhafter Gang in den Tod.

Der Mann aus Nazareth unterstreicht: "Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele". Beim Ausdruck "Lösegeld" denke ich zuerst einmal an eine Entführungsgeschichte, in der die Kidnapper für die Freilassung ihres Opfers Geld verlangen. Doch bei Jesus geht es nicht um Entführung.

Das liegt auf der Hand. Seine Gegner wollen ihn öffentlich erledigen. Ein geheimes Kidnapping passt überhaupt nicht in ihr Szenario. Manche fragen sich, ob Jesus daran gedacht hat, mit seinem Tod dem eigenen Vater Genugtuung anzubieten, um ihm seinen Groll über die Sünden der Menschen zu nehmen. Doch diese Überlegung liefe auf ein äußerst fragwürdiges Gottesbild hinaus. Denn Gott wäre dann ein beleidigter und rachsüchtiger Herrscher, der großen Wert darauf legt, dass seine Untertanen gefälligst seine Laune aufbessern.

Ein solcher Gott wäre nichts für mich. Daran könnte ich nicht glauben. Womöglich denkt Jesus aber auch ans Alte Testament. Denn im Recht der Israeliten gab es die Möglichkeit, dass jemand, der einem anderen solch schweren Schaden zugefügt hatte, dass er eigentlich sein Lebensrecht verwirkt hatte, doch noch gerettet werden konnte, und zwar dadurch, dass für ihn eine Art Lösegeld gezahlt wurde, damit er nicht dem Tod zum Opfer fiel.

Genau das will Jesus: Die Menschen sollen vom Verhängnis des Todes befreit werden. Er möchte sie vor dem Fall ins Nichts bewahren. Sie sollen eine Chance erhalten, glücklich zu werden, nicht nur vor dem Tod, sondern erst recht danach. Und dieses Glücklich-Werden gelingt nicht dadurch, dass alle nach Ruhm und Macht streben. Viel wirksamer ist der Versuch, einander durch gegenseitiges Bedienen Zufriedenheit zu schenken.

Wenn jeder jedem absichtslos hilft, dann gibt es niemand mehr, der zum Opfer wird, der Unterdrückung erfährt, den die harte Faust der Gewalt trifft. Am heutigen Weltmissionssonntag, soll uns das bewusst werden, dass Missionierung kein von oben nach unten ist, wie es in frühere Zeit -mit den besten Absichten vielleicht- gemacht wurde. Wo die Leute z.B. mit brutaler Gewalt missioniert wurden. Nein Mission heute heißt, einander absichtslos dienen und nicht Macht übereinander auszuüben. Eine kleine Geschichte mit dem Titel Einer dem anderen verdeutlicht dies:

Jemand durfte einen Blick in die Hölle tun. Er sah einen festlichen Saal, strahlend erleuchtet. Die kostbar gekleideten Menschen saßen vor Tischen, die sich bogen unter der Last üppiger Speisen. Aber alle hatten steife Ellenbogengelenke, niemand konnte die Hand zum Munde führen. So geiferten und hungerten alle mitverzerrten Gesichtern. -

Er durfte auch einen Blick in den Himmel tun. Er sah einen festlichen Saal strahlend erleuchtet. Die kostbar gekleideten Menschen saßen vor Tischen, die sich bogen unter der Last üppiger Speisen. Aber alle hatten steife Ellenbogengelenke, niemand konnte die Hand zum Munde führen. Und jeder fütterte seinen Nachbarn, und alle waren glücklich.

Für Gott gibt es keine erste und letzte Reihe. Ehrenplätze sind ihm egal. Gott will, dass alle ihm nahe sind, ohne Abstufungen und Rangfolgen. Auf Erden soll diese himmlische Geschwisterlichkeit bereits beginnen. Und nach dem Tod wird sie vollendet werden. Vom Schöpfer persönlich, mit dem Sohn an der Seite und dem Geist in aller Leute Nähe.

Andreas Kaiser

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10. Dezember 2006
2. Adventsonntag
Das Wegenetz instand halten

Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene; Hohepriester waren Hannas und Kajaphas. Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias. Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündigte dort überall Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden. (So erfüllte sich,) was im Buch der Reden des Propheten Jesaja steht: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden. Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt. Lk 3,1-6

Immer wieder kann man schon in der Adventszeit das Lied hören: "A 'm dreaming of a white Christmas" (Ich träume von weißen Weihnachten). Ja, Schnee zu Weihnachten oder sogar noch früher, darüber freuen sich vor allem die Kinder. Andere winken bei der Vorstellung entsetzt ab, denn dann gibt es wieder viele Staus und Verspätungen auf den Straßen. Manches Sträßchen, das im Sommer keine Probleme macht, ist dann fast unpassierbar, und man kommt nicht zu den Leuten, die man eigentlich erreichen wollte. Im heutigen Evangelium fordert Johannes der Täufer die Menschen auf, Gott den Weg zu bereiten, damit er nicht behindert wird, wenn er bei uns ankommen will.

Da war irgendwo einer, der lebte fernab vom nächsten Dorf auf einem Bauernhof. Nur selten ließ er sich im Dorf blicken, und wenn er dort war, war er wortkarg und kam mit niemandem näher in Berührung. Die Leute im Dorf nannten ihn den "komischen Kerl". Niemand gab sich Mühe, ihn näher kennen zu lernen, und mit der Zeit wurde er immer seltsamer und verschrobener. Er kam noch seltener ins Dorf, um seine wenige Post abzuholen und seine Einkäufe zu erledigen. Er ließ seinen Zufahrtsweg verkommen. Gras und Büsche wuchsen auf ihm. Es gab tiefe Furchen und richtige Hügel darauf, dort, wo ein Unwetter Schlammmassen aufgehäuft hatte. Dem Mann war der Zustand seines Weges egal. Zu ihm kam ja doch nie ein Mensch. Und wenn er den Weg ab und zu benutzte, dann stapfte er halt durch das Gebüsch und den Dreck.

Einmal brachte er von solch einem Ausflug in das nächste Dorf einen Brief mit. Schon lange hatte er, außer der Stromrechnung, keinen richtigen Brief mehr bekommen. Aufgeregt trug er ihn nach Hause, um ihn dort in Ruhe zu lesen. Er setzte sich in seinen Lieblingssessel, machte den Brief behutsam auf und las: "Lieber Freund, viele Jahre ist es her, seit wir uns zuletzt gesehen haben, ich war viel unterwegs, doch jetzt kehre ich in unser Dorf zurück. Hoffentlich wohnst du noch auf deinem Bauernhof, denn wenn ich im nächsten Monat zurückkomme, würde ich dich gerne besuchen." Der Mann stieß einen kurzen Freudenschrei aus. Sein Freund wollte wieder zurück ins Dorf kommen - sein Freund, mit dem er immer so gut reden konnte. Sicherlich würde er bald nach seiner Ankunft bei ihm auftauchen. Aber als er an den Zustand seines Zufahrtweges dachte, erhielt seine Freude einen Dämpfer. Wenn sein Freund den Weg sah, würde er sicherlich umkehren und annehmen, dass der Bauernhof nicht mehr bewohnt sei. Schnell rechnete er aus, wie viel Zeit ihm noch bis zur Ankunft seines Freundes bliebe. Und dann machte er einen Plan, wie er den Weg in dieser Zeit in Ordnung bringen könnte. In den folgenden Tagen rodete er das Unkraut und die Büsche, räumte Steine vom Weg, ebnete die Rillen und Hügel ein und bestreute schließlich die Auffahrt mit Kies, so dass ein Besucher nun mühelos zu ihm gelangen konnte. Und wirklich, gerade als er fertig war und sich seine Arbeit wohlgefällig betrachtete, da kam ihm sein Freund auf dem Weg entgegen.

Der Weg als Bild für die Beziehungen zwischen den Menschen

Sicherlich fällt es auf: Der Zufahrtsweg des Mannes in unserer Geschichte ist ein Symbol für seine Beziehungen zu anderen Menschen. Je mehr er sich von anderen zurückzieht, je gleichgültiger sie ihm werden, desto mehr verkommt der Weg. Wer ihn am Ende dieser Entwicklung besuchen wollte, der musste schon einige Mühen auf sich nehmen, um ihn zu erreichen. Aber da passiert etwas, das ihn veranlasst, den Weg freizumachen: Sein Freund kündigt per Brief seine Rückkehr an. Die Freude über diese Nachricht, die Erwartung der Ankunft seines Freundes bringen den Mann dazu, all die Hindernisse, die Verbitterungen und Enttäuschungen zur Seite zu räumen und den Weg so herzurichten, dass man jetzt bei ihm ankommen kann. Der Weg als Zeichen für das Verhältnis von Menschen zueinander ist ein altes Bild. Heute begegnet es uns im Evangelium in der Predigt des Johannes. (Lk 3,1-6)

Haltet eure Wege in Ordnung

Johannes, der ja der Wegbereiter Jesu genannt wird, ruft den Menschen zu: Bekehrt euch, ändert euer Leben, geht nicht mehr weiter auf krummen Wegen. Hört auf, euch selbst und anderen Steine in den Weg zu legen. Helft mit, Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Sucht nach Möglichkeiten, Abgründe zu überwinden. Seht zu, dass ihr untereinander in Verbindung bleiben könnt, und haltet den Weg frei für Gott, der bei euch ankommen möchte. Er macht sich auf den Weg zu uns. Er kommt nicht wie eine Dampfwalze, die jeden Widerstand überrollt. Er nimmt nur solche Wege, die man für ihn freimacht. Gott sagt: Ich möchte bei dir ankommen. Wird er uns zugänglich finden?

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6. Januar 2007
Erscheinung des Herrn

Sternstunden


von Br.Andreas Kaiser, Kapuziner

Der Bayerische Rundfunk hat im Advent eine Aktion mit dem Namen "Sternstunden" gestartet. Viele Initiativen haben sich dieser Aktion angeschlossen. Es geht darum, Kindern in Not tatkräftig zu helfen, ihnen sozusagen "Sternstunden" zu bereiten. "Sternstunden" sind also Momente, die ein Leben weiterbringen. Sie zeigen die Richtung an, in die man gehen kann, ja förmlich muss, wenn man nicht die Chance seines Lebens verspielen will. Eine "Sternstunde" entschlüsselt also das Dunkel meines Lebens, das noch vor mir liegt. Solche "Sternstunden" braucht jeder für sein Leben und hat sie auch.

Von so einer "Sternstunde" , die Leben in eine ganz neue, völlig fremde Richtung führen kann, erzählt auch das Evangelium vom Fest der Erscheinung des Herrn oder volkstümlich gesagt, der Heiligen drei Könige. Ob es Könige waren und die Zahl drei zutreffend ist, sei dahingestellt. Weise Männer, Sterndeuter werden sie bei Matthäus genannt, sehen dort, wo sie leben, einen Stern aufgehen. Es handelt sich um einen ungewöhnlichen Stern. Und da spüren sie sofort: Hier geht unser Leben weiter; das ist der Weg, der uns dorthin führt, wo unser Ziel ist. Es lohnt sich, auf diesen Stern zu setzen; denn da finden wir, was unser Leben zusammenhält. Und sofort machen sie sich auf den Weg.

Und dieser Stern führt die weisen Männer, die fragenden und suchenden Männer nicht zu den großartigen Prunkbauten der allmächtig scheinenden Herren von Jerusalem, wo sie den neugeborenen König der Juden zunächst vermuteten. Nein, er führt sie zu dem Unscheinbaren und Ohnmächtigen in das kleine Dorf Bethlehem. Dort bleiben sie stehen. Hier wird sich Leben erfüllen, Hier ist die Wende, die aus den vielen Irrwegen, die Menschen oft genug gehen, herausführt zu dem Weg, auf dem ich wirklich das Leben finde. Ein kleines Kind im Kreis seiner Familie gibt den gelehrten Männern die Antwort auf ihre Frage: Wo finde ich das Ziel meines Lebens?

Der Evangelist Matthäus erzählt von Geschenken, die mitgebracht werden: Gold, Weihrauch und Myrrhe - eigentlich alles, was wir Menschen von unserem Wesen her sind, wenn wir uns auf die Weihnachtsbotschaft einlassen.

Gold: Denn mit Jesus zeigt uns Gott, dass ein Mensch, selbst unter noch so vielen Hüllen von Staub und Erbärmlichkeit, von Elend und Versagen, wertvoll ist wie ein Stück echten Goldes. Nie mehr seit jenem ersten Weihnachten darf ein Mensch achtlos beiseite geschoben werden. Darum ist Gold die Gabe der Dankbarkeit. Weihrauch: Mit Jesus hat Gott uns sein menschliches Gesicht gezeigt. Er hat seinen Platz auf unserer Erde eingenommen unter uns Menschen. Das zeigt der Weihrauch. Wo sich Menschen in die Umgebung Jesu begeben, da geht es ihnen auf: Gott nimmt an unserem Leben teil. Er ist wahrhaftig mitten unter uns. Myrrhe: Oft genug sagen Menschen über ihr Leben, dass es mit Schmerz und Enttäuschung durchzogen ist. ja, offensichtlich ist das die Mitgift unseres Lebens. Dass wir solche Erfahrungen tragen können, dass unser Leben trotzdem heil werden kann, das wird im letzten Geschenk, in der Myrrhe gezeigt.

Das kann nur der in seinem Leben wieder spüren, der auch offen ist für diesen neuen Weg Gottes mit uns Menschen. Für die Weisen war die Begegnung mit dem Kind in der Krippe d i e "Sternstunde" ihres Lebens. Und für uns heute, 2007? Wir haben in diesen Tagen wieder einmal Weihnachten gefeiert - wahrscheinlich wie jedes Jahr; ob uns aufgegangen ist, wer unser Leben wirklich weiterbringt? Man kann eine "Sternstunde" auch verschlafen und vertun, wie eine russische Weihnachtsgeschichte zeigt.

Die verpasste Sternstunde

Vor vielen, vielen Jahren, da stand einmal ein kleines Haus ganz allein zwischen den Wiesen und Feldern. Dort wohnte die alte Babuschka. Im Sommer sangen die Vöglein im Apfelbaum, aber im Winter war alles still. Auf den Wiesen und Feldern lag der Schnee.

An einem Wintertag fegte und putzte Babuschka wieder einmal ihr kleines Haus. Weil sie allein war und viel Zeit hatte, fegte und putzte sie oft und lange, bis es allmählich dunkel wurde. Plötzlich blieb Babuschka mitten in der Stube stehen. Durch Schnee und Wind hatte sie deutlich die Stimmen von Menschen gehört. Es mussten sehr viele sein. Babuschka hörte sie näher kommen.

Als Babuschka aus dem Fenster sah, wollte sie kaum ihren Augen trauen. Da kamen zuerst drei weiße Pferde, die einen prächtig geschmückten Schlitten zogen. Drei Männer saßen in dem Schlitten. Sie waren bunt und fremdländisch angezogen. jeder von ihnen trug eine schwere Krone, mit Edelsteinen reich verziert. Dann kamen noch viele Männer zu Pferd oder zu Fuß, es war eine lange Reihe, und die ersten standen schon vor Babuschkas kleinem Haus.

Als es an die Tür klopfte, hätte Babuschka sich gern versteckt. Sie fürchtete sich und wartete lange. Dann aber zog sie den Riegel zurück und trat vor das Haus. Waren es Könige, die vor der Tür standen? Dunkel erinnerte sich Babuschka, dass man Menschen, die eine Krone trugen, Könige nannte. Waren sie streng und böse, wie man ihr erzählt hatte? Aber da lächelte einer der drei Fremden und sagte freundlich: "Fürchte dich nicht! Wir sind einem hellen Stern gefolgt und suchen den Ort, wo ein Kind geboren wurde, das uns allen Freude und Erlösung bringt. Willst du nicht mitgehen, Babuschka? Wir haben den Weg verloren im tiefen Schnee. Hilf uns den Weg wieder finden, damit wir dem Kind unsere Gaben bringen!"

Der kurze Wintertag ging schon dem Ende zu Babuschka sah in das Schneegestöber hinaus. "Kommt in die Stube, und wärmt euch! Ich mache erst noch die Arbeit im Haus fertig. Morgen werde ich gewiss mit euch gehen." Doch die drei Könige wandten sich ab. "Wenn du nicht mitkommen kannst, Babuschka - wir müssen gleich wieder aufbrechen. Für uns gibt es keinen Aufenthalt."

Babuschka sah ihnen lange nach. Mit allen, die bei ihnen waren, zogen sie wieder durch Wind und Schnee über das weite Land. Babuschka war in ihr Haus zurückgekehrt und hatte die letzten Ecken saubergemacht. Noch lange aber saß sie am Tisch und dachte daran, was die drei Könige ihr von dem neugeborenen Kind erzählt hatten: dass es allen Menschen Freude und Erlösung bringen werde. "Wenn ich doch mitgegangen wäre", dachte Babuschka, "ich hätte das auserwählte Kind mit eigenen Augen gesehen." Und sie bereute nun, dass sie zurückgeblieben war. Auch als sie sich zum Schlafen niederlegte, fand Babuschka keine Ruhe. Sie konnte den Morgen kaum erwarten. Tief im Herzen hatte sie nur noch den einen Wunsch, das Kind zu finden und ihm Geschenke darzubringen, wie es die Könige tun wollten.

Schon in der ersten Tagesfrühe machte sich Babuschka auf den Weg. Schritt für Schritt, den Stock in der Hand, wanderte sie von Dorf zu Dorf. Freundlich wurde sie aufgenommen, aber vergeblich fragte sie überall: "Wisst ihr den Weg zu dem auserwählten Kind?"

Und weiter stapfte die alte Babuschka über das schneebedeckte Land. Die Wege sind weit in diesem Land, und niemand weiß, ob sie das Kind gefunden hat. (Aus: Wilh. Böhm, Lieder, Texte und Bilder zum Kirchenjahr I).

Vor lauter anderen Dingen hat die alte Frau ihre "Sternstunde" verpasst. Ich wünsche uns allen hier, dass wir den Weg mit den Weisen zur Krippe nicht verpassen. Denn auch unser Leben kann neu und hell werden hier vor diesem Kind. Und das wäre doch ein schönes Leben - meinen Sie nicht auch?

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28. Januar 2007
4. Sonntag im Jahreskreis
Profil ist gefragt

Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. Seine Rede fand bei allen Beifall; sie staunten darüber, wie begnadet er redete, und sagten: Ist das nicht der Sohn Josefs? Da entgegnete er ihnen: Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten: Arzt, heile dich selbst! Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier in deiner Heimat! Und er setzte hinzu: Amen, das sage ich euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt. Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam. Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon. Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman. Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging weg. Lk 4,21-30

Profil ist gefragt

Was ist der Unterschied zwischen einem Christen und einem Autoreifen? - Ein Autoreifen muss wenigstens 3 mm Profil haben. Ironie beiseite, Jesus zeigte in der Synagoge seiner Heimatstadt Profil, er zeigt Flagge, indem er provoziert. Bei manchen Menschen schrillen gleich die Alarmglocken, wenn sie das Wort Provokation hören. Einer, der provoziert ist ein Umstürzler, ein Rebell, einer, der die gewohnte Ordnung in Frage stellt. Das wollen viele nicht. Die Provokation ist aber eigentlich ein positiver Vorgang: Menschen sollen aus eingefahrenen Gewohnheiten, Denkweisen und Traditionen, aus alten Haltungen herausgerufen, bzw. wachgerüttelt werden. Es schadet sicher nicht, hin und wieder das eigene Verhalten zu hinterfragen. Irgendwo habe ich auf einer Spruchkarte gelesen: "Gewohnheiten sind zunächst feine Spinnenfäden, später aber oft Stahlseile." Und darum muss es auch Provokation geben dürfen, die so manche, wenn auch liebgewordene Gewohnheit in Frage stellt..

Profilierung fordert heraus

Profil bei einem Autoreifen heißt: Ich kann mich auf seine Wirksamkeit verlassen. Genau das sollte man von einem Christen sagen können: Ich kann mich auf seine Überzeugung und auf die Reaktionen, die daraus folgen, verlassen.

Das Evangelium vom 4. Sonntag im Jahreskreis mit seinen Herausforderungen und Provokationen will dieses Profil schärfen. Das ist auch der Grund, warum Jesus die Auseinandersetzung mit seinen Landsleuten nicht scheut. Er geht ihnen nicht aus dem Weg. Er stellt sich ihnen. Er profiliert sich und tut das in der Öffentlichkeit der Synagoge. Die Menschen kochen vor Wut. Und wenn die Argumente ausgehen - das ist damals so gewesen, wie heute -, dann greift man eben zu gewalttätigen Mitteln.. Damit begegnet Jesus zum ersten Mal der Gewalt.

Gewalt hat immer das Ziel, den anderen mundtot machen. Gewalt will das Profil zerstören und die Persönlichkeit glatt machen, platt walzen. Dazu braucht man nicht immer Steine und Gewehre-, es gibt andere, ganz subtile Mittel, um Menschen in die Knie zu zwingen. Einige davon kennt auch die Kirche. Aber lassen wir das hier. Es geht um uns. Es geht um unser Profil. Wir haben schließlich die Zeiten überwunden, in denen das Wort Berufung lediglich etwas für Ordensleute und Priester war. Wir alle haben eine Berufung, selbst wenn wir ein Leben lang dazu bräuchten, sie zu entdecken.

Glaube muss durch das Leben gedeckt sein

Wir reden vom guten Profil eines Menschen, wenn er zu dem steht, was ihm wichtig ist und was er als richtig erkannt hat. Jeremia und Jesus haben für ihre Wahrheit, die sie den Menschen auszurichten hatten, Nachteile in Kauf genommen. Jesus schließlich sogar den Tod. Auch wir werden uns nach dem Gewicht unserer Überzeugungen fragen lassen müssen. Wie weit werden sie von unserem Leben gedeckt? "Als er endlich einen Namen hatte, hatte er kein Gesicht mehr." Dieses Wort stammt von Werner Mitsch, dem Meister des Wortspiels. Wer sich in der Welt einen Namen machen will, läuft Gefahr, sein Gesicht, seine Glaubwürdigkeit, sein Profil zu verlieren. Deshalb schauen wir uns nach Hilfe um. Es macht wenig Sinn, allein der Brandung Widerstand zu leisten. Wir glauben in einer Gemeinschaft; deshalb sind funktionierende Gemeinden so überaus wichtig. Ohne Gemeinschaft geht Glaube nicht. In Nazareth stand Jesus offensichtlich damals noch allein da. Darum ging er weg.

Gemeinschaft macht stark.

Wir können heute bleiben. Standhalten. Gemeinsam können wir eine ganze Linie von Wellenbrechem aufbauen und Erfolg haben, wenn wir zusammenstehen. Denn seinem Gewissen zu folgen, den Weg der Gerechtigkeit zu suchen und zu gehen, das kann bisweilen sehr einsam machen und manchmal in bittere Enttäuschungen führen. Wir lassen einander leider zu oft im Stich, mehr aus Gedankenlosigkeit, Gleichgültigkeit oder Feigheit als aus Bosheit. Deshalb erinnern wir uns heute an die Zusage, die Gott dem Propheten Jeremia geben hat: "Ich bin mit dir, um dich zu retten." Und wir dürfen auf das Wort vertrauen, das Jesus bei der Taufe im Jordan von seinem Vater gegeben wurde: "Mein bist du. An dir habe ich mein Wohlgefallen." In beiden Worten steckt das, was unsere Vorfahren - aber deswegen keinesfalls altmodisch "Gottvertrauen" nannten. Dieses Gottvertrauen schenkt uns bei aller Anstrengung und bei allem Kampf die nötige Gelassenheit: Ich muss nicht alles allein machen und ich muss nicht mehr tun, als ich kann. Und: Manchmal darf ich, wie Jesus damals, ganz einfach weggehen. Auch das schadet meinem Profil nicht.

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18. März 2007
4. Fastensonntag
Buße tun

In den Tagen des Heils kamen alle Zöllner und Sünder zu ihm, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und ißt sogar mit ihnen. Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte: Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land, und es ging ihm sehr schlecht. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner. Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte ihn. Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an. Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern. Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Lk 15,1-3.11-32

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort "Buße" hören oder lesen? Abtötung, Opfer, Verzicht...? "Buße" ist auf jeden Fall etwas, das der Mensch leisten muss, um vor Gott bestehen zu können. Am 4. Fastensonntag, mitten in der Österlichen Bußzeit, hören wir wieder einmal das weltberühmte Gleichnis vom verlorenen Sohn - oder sollen wir sagen, vom barmherzigen Vater? Im Zusammenhang mit der Buße können wir uns dazu verleiten, uns Gedanken zu machen über die "Buße" des jungen Mannes, der in die Irre gegangen und nun zerknirscht ist. Wir können uns die Situation des jungen Mannes gut vorstellen, wie er sein Geld verprasst und ein sorgenfreies Leben geführt hat. Aber schließlich können wir uns auch sein Elend vorstellen, wie er im wahrsten Sinn des Wortes "im Dreck" sitzt. Wir erfahren von seiner innerlichen Wandlung, wir hören, wie er seinen Fehler einsieht und sich zerknirscht auf den beschämenden Weg macht, heim zu seinem Vater. Wir hören ihn sagen: "Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein." Also ist hier das klassische Beispiel echter "Buße" bzw. eines wirklichen "Büßers" dargestellt, das da lautet: Sündigen - in sich gehen - bereuen und zerknirscht sein - sich auf den beschämenden Weg der Umkehr machen?

Allzu leicht übersehen wir hier aber, dass Buße nicht die Sache eines einzelnen ist, sondern dass sie immer die Beziehung zwischen zwei Personen betrifft, die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Sünde lieg dort vor, wo das "Tischtuch" zwischen beiden zerschnitten ist, bzw. wo das Band zwischen den beiden gerissen ist. Buße beginnt dann, wenn dieses Band wieder zusammengeknüpft wird. Und zum Zusammenknüpfen gehören immer beide Seiten. Das will heißen: von sich aus, kann der Sünder allein gar nicht Buße tun. Er kann aus eigenem Vermögen -und wenn er sich noch so anstrengt und sich die strengsten "Bußübungen" auferlegt- keine neue Verbindung zu Gott herstellen. Er kann nur seine Bedürftigkeit eingestehen und Hilfe suchend die Hände ausstrecken. Was dann geschieht, müssen wir Gott überlassen.

Und was können wir von Gott erwarten? Schmollt er und straft er wie eine "beleidigte Leberwurst"? Jesus antwortet uns auf diese Frage indem er Gott als einen Vater von überwältigender Güte schildert. Der Vater läuft seinem Sohn entgegen, schließt ihn in die Arme und macht den Schritt auf den "Büßer" hin. Er kennt nur dankbare Freude und verzichtet auf alle Vorhaltungen. Der Vater ist einfach nur glücklich. Er veranstaltet ein großes Festmahl. weil möglichst viele Menschen an seiner Freude teilhaben sollen. Was lernen wir daraus? Von Gott her hat Buße nichts mit Abtötung, Opfer, Verzicht, Zerknirschung und Beschämung oder gar Bestrafung zu tun. Buße hat zu tun mit Wiedersehensfreude und einem großen Fest. Wer das nicht verstehen oder akzeptieren will, der entfremdet sich von Gott, der lebt nach einem selbst gestrickten Moral-System, das in seiner Strenge beeindruckend sein mag. Aber er hat wenig bis gar nichts vom himmlischen Vater verstanden.

Der korrekte ältere Bruder ("So viele Jahre diene ich dir, nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt.") verkörpert diesen moralisch, strengen Menschen. Er nimmt Anstoß am Verhalten seines Vaters, wie damals die Pharisäer und Schriftgelehrten an der Güte und Liebe Jesu zu den Sündern Anstoß genommen haben. Ein solcher Mensch ist nicht fähig zu verstehen, wie frohmachend die Buße sein kann, die den Sohn mit dem Vater verbindet. Letztendlich ist er der Gefährdete. Man muss darum fürchten, dass er sich durch seine selbstgerechte Art vom Fest der Versöhnung ausschließt. In seinem Groll löst er sich vom Vater und wird damit selber zum "verlorenen Sohn".

Wenn wir von Buße sprechen, denken wir, wie eingangs erwähnt, meist nur daran, was wir Menschen tun müssen. Denken wir nur an die Christen-"Pflichten", die mehr oder weniger zähneknirschend erledigt werden. Unsere Gedanken verbinden mit dem Wort "Buße" nur düstere Vorstellungen. Nicht zu unrecht wird den Christen diese Haltung oft vorgeworfen. Vielen Menschen graut deshalb vor dieser Form der "Buße" und lassen sie lieber sein und wenden sich von dieser Kirche ab, die einem die Freude vergält.

Heute dürfen wir voll Dankbarkeit bei dem Wort "Buße" erkennen und erfahren: Gott denkt da ganz anders, und er fühlt auch ganz anders als wir so oft. Er kann gar nicht anders, als dem der Buße tut, entgegen zu laufen. Er kürzt so den beschwerlichen Heimweg ab, indem er den verlorenen Söhnen und Töchtern entgegenläuft und sie überglücklich in seine Arme schließt.

So ist die Rede von der Buße, wie Jesus sie gemeint und verkündet hat eine ganz andere, wie wir sie oft im Munde führen. Die Rede von der Buße ist wirklich ein Evangelium, eine frohe und froh machende Botschaft.

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06.05.2007
5. Sonntag der Osterzeit
"Seht, ich mache alles neu!"

Offb 21,1-5a
Dann sah ich, Johannes, einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.

Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen : Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.

Da treffen sich zwei ältere Personen und die eine jammert: "Nichts mehr ist wie früher. Da war halt noch alles besser." Darauf entgegnet die andere: "S' Weihwasser ist nach wie vor das Beste!" Die eine meint darauf: "Aber ich glaub, sie machen das auch nicht mehr so gut." Ja - "die gute alte Zeit", in der laut "Königlich Bayerischem Amtsgericht "das Bier noch dunkel, die Mädchen sittsam und die Honoratioren a bisserl vornehm waren" wird von vielen beschworen, die einfach nicht mehr mitkommen. Ja, gar viele trauern dieser ja ach so "guten Zeit" nach. Ja früher, da war halt alles ganz anders. "Früher hätte es das bei uns nicht gegeben!" halten Eltern ihren Kindern vor und sind insgeheim - ohne es zuzugeben - neidisch darauf, weil manches jetzt besser ist. Ich habe aber auch schon viele ältere Leute getroffen, die beieiibe nicht von der "guten alten Zeit" schwärmen. Die sehr wohl zugeben, dass früher eben auch nicht alles Gold war, was heute in verstaubten Poesiealben oder sonst wo glänzt.

Dieses Jammern nach der "guten alten Zeit" macht auch vor unserer Kirche nicht halt, wo ja früher angeblich auch alles besser war. Wie schön waren doch die Lieder von damals, die wir kannten und konnten! Die jetzigen Lieder kennen und können wir nicht, auch wenn sie älter sein sollen. Diese modernen "Jazz-Messen" wollen wir schon gar nicht!" Und das Kirchenjahr mit den alten Festen haben wir früher immer mitgefeiert - es war einfach schön! Was aber ist inzwischen wirklich geschehen? Ist wirklich alles anderes geworden, wurde alles von früher über Bord geworfen?

Man hat nur wenige - und vor allem die abgestorbenen - Zweige abgeschnitten. Dafür sind andere gute eingepfropft worden. Im Wesentlichen ist doch alles beim alten geblieben. Das Evangelium, die Grundlage der Kirche, kann man nicht ändern. Und der Herr der Kirche, Jesus Christus, ist derselbe "gestern heute und in Ewigkeit". Freilich, schön war es früher auch deswegen, weil alle immer mitgemacht haben, weil die Kirchen voll gewesen sind. So schwelgt man oder frau heute in schönen Erinnerungen. So ist Wehmut angesagt: "Das Frühere ist vergangen"! Aber geben wir es doch zu: Das Jetzige in unserer Kirche ist doch auch schön! Das erlebe ich aber nur, wenn ich wirklich innerlich dabei bin. Bei der 2. Lesung zum Fünften Sonntag der Osterzeit aus der Offenbarung des Johannes steht der Satz, dass das Frühere, der "erste Himmel und die erste Erde", vergangen ist; aber er trauert dem Früheren nicht nach. Beim "Früheren" zählt Johannes nicht auf: stille heilige Messe mit dem Rücken des Priesters zum Volk, Rosenkranzgebet während der heiligen Messe und lateinische, levitierte Hochämter, die sprichwörtlichen donnernden "Kapuzinerpredigten", wo den Leuten die Hölle heiß gemacht wurde und vieles andere mehr. Johannes zählt auf als das, was "früher war und vergangen ist": Tränen werden abgewischt; der Tod wird nicht mehr sein; keine Klage, keine Mühsal, keine Trauer. Darum geht es! Und dies alles ist weit mehr und wichtiger als liturgische Ausgestaltungen. Da streiten sich Menschen über Hand- oder Mundkommunion. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe! Tränen, Mühsal, Tod und Trauer - das alles beschäfttigt die Menschen heutzutage und"haut uns doch um"! Das ist es doch, was uns bedrückt und fertig macht!

Aber genau all das -Tränen, Mühsal, Tod und Trauer- gibt es doch immer noch, wenn wir über unseren Tellerrand hinwegsehen; heutzutage in verstärktem Maße sogar, meinen die Miesmacher. Ich will mich denen nicht anschließen, aber auch keine "Vogel-Strauß-Politik" machen, also nicht den Kopf in den Sand stecken, um nichts zu sehen und zu hören, wenn Gefahr kommt.

Johannes schreibt: "Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen." D. h. Dann dürfen wir Tränen, Mühsal, Tod und Trauer nicht mehr nur von uns aus, also von der Erde aus, sehen, als ob das schon alles wäre. In dieser irdischen und diesseitigen Sichtweise drücken uns diese Dinge tatsächlich oft schwer nieder. Aber jetzt, nach Ostern, sollen, ja dürfen und können wir dies alles, was uns drückt, aus einem anderen Blickwinkel sehen, eben vom Himmel her, von Gott her. Das ist fürwahr kein "Opium für das Volk!" Von der Erde her, vor Ostern, sehen wir nur ein Grab. Das ist der irdische Blickwinkel. Wir sehen nur all das, was es auf der Erde gibt. Nach Ostern sehen wir heute mit Johannes alles anders, eben vom Himmel her. Dort thront Jesus nach dem Irdischen. Und dies verändert absolut nichts und doch alles! Es verändert insofern nichts, denn nach Ostern wird weiter gestorben, haben wir Mühsal und Plage, Klage und Trauer. Und doch hat sich etwas geändert! Nämlich: Die Einstellung hat sich geändert; und das ist sehr wichtig. Und Johannes sieht die "heilige Stadt", das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen "wie eine Braut, die sich geschmückt hat für ihren Mann". Die neue Stadt, das neue Jerusalem, das sind Namen für den Zustand von uns Menschen nach Ostern. Und eine Braut ist die Symbolfigur der Liebe, für Zuneigung, für Freude, für Glück. Nach Ostern herrscht dieses Verhältnis, diese Verfassung in uns, zueinander und zwischen mir und Jesus. Und deswegen ist Tod, sind Mühsal, Trauer und Klage tatsächlich verändert. Ihren Schrecken haben sie verloren. Unsere Einstellung hat sich deshalb verändert, sollte sich zumindest verändert haben. "Ein neues Gebot gebe ich euch!" sagt uns Jesus im Evangelium: "Liebt einander!" Und das ist das Wichtigste überhaupt!

Und es gibt noch eine weitere Veränderung: "Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen; er wird in eurer Mitte wohnen." Wenn ich bei Trauer und Mühsal, bei Klage und beim Tod eines Menschen eingebettet bin in die Gemeinschaft von verständnisvollen, liebenden Menschen, die Jesu "neues Gebot" ernst nehmen, dann kann ich alles leichter und besser ertragen; dann komme ich besser "über Tiefschläge" hinweg. Das ist keine Einbildung, sondern Tatsache.

Heute klagen manche Gläubige, die Majestät des Göttlichen habe durch das letzte Konzil gelitten. Diesen Eindruck mag man vielleicht gewinnen. Doch die Menschheit und Menschlichkeit Jesu ist jedenfalls deutlicher geworden: die Nähe zu Jesus und das Wohnen Jesu in unserer Mitte. Das Eingebettet sein in die Nähe Jesu macht alles anders. Das "Zelt Gottes unter uns Menschen". Wenn wir dabei nicht vergessen die Allmacht und die Göttlichkeit in der neuen Sicht von oben, dann hat die Nähe zu Jesus mir sehr viel gebracht. Einen allmächtigen Gott kann ich "verehren", und das ist gut so und soll nicht verloren gehen; aber mit dem leiblichen Bruder, Jesus, kann ich "verkehren". Wie zwei Liebende sich "zu einem Leib vereinen" so kann ich mich mit Jesus in der Kommunion zu "einem Leib vereinen".

Und wenn ich buchstäblich so mit Jesus "verbunden" bin, dann bin ich mit Jesus "zusammengebunden" - sicher, sowohl im Leid und auf dem Kreuzweg, aber auch in der Auferstehung und Himmelfahrt. Und so können wir dann auch den Schluss der Lesung nachvollziehen: "Er, der auf dem Throne saß - Jesus der Auferstandene - sprach: Seht, ich mache alles neu."

Andreas Kaiser

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17. Juni 2007
11. Sonntag im Jahreskreis
Eine Ohrfeige?

2. Lesung Wir haben erkannt, daß der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird niemand gerecht. Wenn nun auch wir, die wir in Christus gerecht zu werden suchen, als Sünder gelten, ist dann Christus etwa Diener der Sünde? Das ist unmöglich! Wenn ich allerdings das, was ich niedergerissen habe, wieder aufbaue, dann stelle ich mich selbst als Übertreter hin. Ich aber bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich für Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat. Ich mißachte die Gnade Gottes in keiner Weise; denn käme die Gerechtigkeit durch das Gesetz, so wäre Christus vergeblich gestorben. Gal 2,6a.c.19-21

Evangelium In jener Zeit ging Jesus in das Haus eines Pharisäers, der ihn zum Essen eingeladen hatte, und legte sich zu Tisch. Als nun eine Sünderin, die in der Stadt lebte, erfuhr, daß er im Haus des Pharisäers bei Tisch war, kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl und trat von hinten an ihn heran. Dabei weinte sie, und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küßte sie und salbte sie mit dem Öl. Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er: Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müßte er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren läßt; er wüßte, daß sie eine Sünderin ist. Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: Simon, ich möchte dir etwas sagen. Er erwiderte: Sprich, Meister! Jesus sagte: Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig. Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben? Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr erlassen hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast recht. Dann wandte er sich der Frau zu und sagte zu Simon: Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser zum Waschen der Füße gegeben; sie aber hat ihre Tränen über meinen Füßen vergossen und sie mit ihrem Haar abgetrocknet. Du hast mir (zur Begrüßung) keinen Kuß gegeben; sie aber hat mir, seit ich hier bin, unaufhörlich die Füße geküßt. Du hast mir nicht das Haar mit Öl gesalbt; sie aber hat mir mit ihrem wohlriechenden Öl die Füße gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe. Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben. Da dachten die anderen Gäste: Wer ist das, daß er sogar Sünden vergibt? Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Lk 7,36-50

Auf einem Grabstein soll irgendwo einmal folgende Inschrift gestanden sein: "Hier ruht N.N. Er hatte Vorfahrt" D.h. er hatte die Strassenverkehrsordnung, also das Gesetz und Recht auf seiner Seite, und doch es hat ihm nichts genützt. Den größten seelsorgerlichen Problemen begegnen viele Seelsorgern auch mit dem Kirchenrecht. Normalerweise haben ja die "normalen" Christen damit selten zu tun. Und wer kennt schon die einzelnen Paragraphen? Darüber sollen sich die Gelehrten streiten. Aber wenn es dann zum Beispiel um die Wiederheirat nach einer Scheidung geht, dann greift das Kirchenrecht, und schon ist der Konflikt mit der Kirche da, und das Unverständnis ist groß. Viele schütteln verständnislos den Kopf. Gescheiterte Menschen müssen sich plötzlich wie schwere Sünder fühlen, wie Menschen zweiter Klasse, denen. Laut Kirchrecht, ein Neustart in eine zweite Ehe mit kirchlichem Segen verweigert wird. Wenn Menschen vor den oft unerbittlichen Festlegungen des Kirchenrechts stehen, verstehen sie Gott und die Welt nicht mehr. Auch ich kann, ehrlich gesagt, oft nicht begreifen, wozu ein Gesetz gut sein soll (und noch dazu ein Gesetz der Kirche), wenn es nicht in der Lage ist, eine neue Ordnung zu schaffen und damit neues Leben. Paulus war an und für sich ein eifriger Verfechter des jüdischen Rechts, das viele Gebote und Verbote kannte, mehr noch als das Kirchenrecht. Aber im Rückblick auf sein früheres Leben stellt er fest - so lesen wir es im übertragenen Sinn in seinem Brief an die Galater , dass ihm das Recht allein nichts gebracht hat. Denn der Glaube braucht vor allem Leben und Liebe. "Die Erfüllung des Gesetzes ist die Liebe." Deshalb kann Jesus von der Sünderin sagen: "Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie so viel Liebe gezeigt hat."

Nicht immer am Gesetz entlang

Unter dieser Vorgabe wirkt das Pauluswort "durch die Befolgung des Gesetzes allein kann kein Mensch vor Gott bestehen" wie eine Ohrfeige für alle, die selbstgerecht das Kirchenrecht an die Spitze all ihres Denkens und Handelns stellen. Paulus räumt dagegen dem Geist die führende Rolle ein: Wer sich vom Geist Gottes getragen weiß, der trägt auch jenes Gespür in sich, das ihm den rechten Weg im Umgang mit den Menschen und ihren Nöten zeigt. Dieser Weg führt nicht immer an den Mauern des Gesetzes entlang.

Aus dem Prozess Jesu kennen wir das harte Wort: "Wir haben ein Gesetz. Nach diesem Gesetz muss er sterben." Wer sich nur an die Gesetze hält, hat es bequem. Er braucht sich nicht um den Menschen zu kümmern. Seine Fragen und Nöte treffen nicht lebendige Herzen, sondern stoßen auf tote Paragraphen. Wen wundert, dass sich daraufhin so viele Menschen enttäuscht von der Kirche abwenden weil Sie mehr als eine oberste gesetzliche Instanz von ihr erwarten.

Ohne Geist ist das Gesetz bedeutungslos

Gestehen wir es uns ruhig zu: Das Gesetz in jeder Form gibt Sicherheit. Denn die Entscheidungen müssen nicht eigens bedacht werden, sie sind bereits getroffen. Es geht dann nur noch um Buchstaben und um die richtige Auslegung. Für Jesus und alle, die ihm folgen, heißt es aber: "Der Buchstabe tötet, der Geist ist es, der lebendig macht." Das bedeutet, dass wir in den Gesetzen der Kirche zuerst nach dem Geist Jesu zu suchen haben, wie er vor allem in der Bergpredigt zum Ausdruck kommt. Ob wir diesem Geist dort immer finden?

2.865 Sätze kennt der Katechismus der Katholischen Kirche, der 1993 erschienen ist. Gewiss sind das nicht alles Gebote und Gesetze; aber zumindest zwischen den Zeilen von A wie Aberglaube bis Z wie Zweifel finden sich Festlegungen, die den Glauben in eine vorgegebene Richtung bringen wollen. In diesem Zusammenhang eine kleine Anekdote: Ein bekannter Bibeltheologe aus Lima, fragte einen befreundeten Priester aus Europa bei einem Besuch kurz nach dem Erscheinen dieses römischen Mammutwerkes: "Hast du schon den neuen Katechismus?" Eifrig antwortete der "ja, selbstverständlich! " Seine lapidare Antwort: "Wozu?"

Wozu? Das möchten wir gerade beim Problem der Wiederverheirateten fragen. Wozu soll es gut sein, dass zwei Menschen ein Neuanfang verwehrt wird? Wird die Unauflöslichkeit der Ehe tatsächlich durch eine solche Prinzipientreue, die sich eher als Härte erweist, gerettet? Wirkt dieses Zeichen für den Willen Gottes nicht auch dann, wenn wir einen Weg der Versöhnung finden?

Kirchenrecht als Ernstfall für Glaubwürdigkeit

Wir sind befreit zur Liebe, damit auch zur Versöhnung. Nehmen wir die Befreiung durch Jesus Christus an, dann wirkt sie in unserem Leben und bewirkt sie, dass andere sich befreit und frei fühlen können oder ist die Angst vor der Freiheit doch größer und wir kehren zur falschen Sicherheit der Gesetze zurück?

Das Kirchenrecht ist der Ernstfall für die Glaubwürdigkeit der Kirche. Jedenfalls stehe ich da vor der nicht immer leichten Gewissensentscheidung, wie ich im konkreten Einzelfall damit umgehe. Auf der einen Seite braucht es ein Gesetz. Das Gesetz scheint wichtig, aber wir dürfen es nicht auf die Spitze treiben und wie einen unveränderlichen Betonklotz empfinden, sondern eher wie einen Fachwerkbau, den wir mit eigenen Gewissensentscheidungen, das heißt mit neuem Leben ausfüllen sollen und dürfen, ja im gegebenen Fall auch müssen. Denn es geht immer so handelt auch Jesus um den Menschen. Denn: "Der Mensch ist nicht für den Sabbat da, sondern der Sabbat ist für den Menschen da."

Kirche wozu?

"Wer den Sonntag nicht heiligt wird ausgeschlossen.
Wer die Eltern nicht ehrt wird ausgeschlossen.
Wer abtreibt wird ausgeschlossen.
Wer die Ehe bricht wird ausgeschlossen.
Wer bei der Lüge erwischt wird wird ausgeschlossen.
Wer begierig ist nach Geld und Gut wird ausgeschlossen.
Alle Sünder - werden ausgeschlossen.
Wer braucht dann noch die Kirche?"
(Roland Breitenbach)

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24.Juni 2007
12.Sonntag im Jahreskreis
Im Licht das Dunkel, im Dunkel das Licht

Gerade erst hat der Sommer begonnen, nicht nur nach dem Kalender. Nur der genaue Blick in manche Kalender spricht eine andere Sprache. Denn von diesen Tagen an geht die Sonne fast unmerklich ein klein wenig später auf und ebenso ein klein wenig früher unter.Es ist die Zeit der Sonnenwende.

Wenn man sich das bewusst macht, dann liegt über diesen Tagen eine eigenartige Stimmung. Noch bevor man die Kraft der Sonne, des Lichtes voll und ganz spüren kann, wird das Dunkel schon wieder stärker. Noch bevor das Leben auf dem Höhepunkt ist, kündigen sich bereits Vergehen und Sterben an. Seit frühester Zeit haben die Menschen deshalb diese Tage besonders betont, mit Tänzen, Gesängen und Feuern. Doch niemand kann aufhalten, was geschieht.

Was sich in diesen Tagen ereignet, ist wie ein Spiegelbild dessen, was auch sonst im Leben geschieht. Wer auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, seiner Leistungsfähigkeit ist, der wird sich in den nächsten Jahren damit abfinden müssen, dass seine Kräfte weniger werden. je mehr gute Jahre man hinter sich hat, desto ernsthafter muss man damit rechnen, dass das nicht für Ewigkeiten so bleiben wird. Nie ist das Glück auf Ewigkeiten angelegt, und oft kündigt sich die Wende schon an, bevor man das Glück voll und ganz ausgekostet hat.

Man kann gegen solche Überlegungen natürlich einwenden, dass man hier und heute leben will und leben soll. "Nutze den Tag!"- das alte römische Motto hat zweifellos seine Berechtigung. "Sorgt euch nicht um das Morgen, jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage" (Mt 6,34). Es gibt wahrscheinlich keinen unangenehmeren Zeitgenossen als den, der beim Fahrradfahren bergab deshalb jammert, weil unweigerlich die nächste Steigung droht. "Nutze den Tag!". Mach dich nicht verrückt mit dem Morgen. Genieße die schönen Stunden, die schlechten kommen ganz von allein. Trotzdem ist das nicht die ganze Wahrheit über das Leben. Es gibt eine übertriebene Sorge um die Zukunft, aber ebenso gibt es auch ein Verdrängen der Zukunft. Niemand hat das Glück für sich gebucht. Niemand wird sein Leben lang auf der Sonnenseite wohnen können. Bei jedem von uns sind die Jahre und Tage gezählt. Niemand stirbt, wie es manche Todesanzeigen unbeholfen formulieren plötzlich und unerwartet im Alter von 92 Jahren. Niemand hat die Zukunft, auf ewig in "trockenen Tüchem" gepachtet.

Das Kirchenjahr feiert an der Sonnenwende Johannes den Täufer. Die Bibel zeichnet ihn als den, der vor allem eines tut: auf Jesus zeigen. Ebenso typisch wie berühmt ist sein überdimensionaler langer Zeigefinger, mit dem ihn Matthias Grünewald auf dem Isenheimer Altar gemalt hat. Er, der Vorläufer Jesu, hat nur eine Aufgabe: hinzuweisen auf das Licht, das heller und wesentlicher ist als das Licht der Sonne: "Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht." (Joh 1,7). Dieses Licht kommt, und auf dieses Licht können wir hoffen. In genau sechs Monaten ist das mit Händen zu greifen. Wenn das Dunkel am stärksten, am mächtigsten geworden ist, feiern wir Weihnachten: die Geburt dessen, der allein die Macht hat, das Dunkel zu erhellen.

So will uns Johannes heute sagen: Ihr müsst nicht die Augen verschließen vor dem beginnenden Dunkel. ihr müsst nicht weglaufen davor, dass nun das Dunkel ganz langsam, aber sicher das Licht besiegen wird. Ihr dürft glauben: Am Ende wartet der auf euch, der jede Nacht erhellt.

Wer glaubt, der muss das beginnende Dunkel nicht wegreden oder vor ihm weglaufen. Wer glaubt, der muss nicht die Augen verschließen vor der Zukunft, gerade wenn sie schwer zu werden droht. Wer glaubt, der kann dem Vergehen und Sterben ins Auge blicken. Unter diesem Aspekt ist Johannes für uns jemand, der zugleich tröstet und ermahnt. Wir dürfen und wir müssen nicht den Blick für die Wirklichkeit und für das beginnende Dunkel verlieren -gerade dann, wenn wir im Licht, in guten Zeiten leben. Vor allem aber sollen wir denen beistehen, sollen wir die trösten und ermutigen, deren Weg unaufhaltsam ins Dunkel zu führen scheint, so unaufhaltsam, wie kein einziger Mensch verhindern kann, dass die Nächte jetzt wieder länger werden. Auch Gott kürzt dieses Dunkel nicht ab. Seine Antwort bleibt bei aller Eindeutigkeit geheimnisvoll. Am Ende, im tiefsten Dunkel, wartet Christus auf uns, der das "wahre Licht ist, das jeden Menschen erleuchtet- (Joh 1,9).

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15. August 2007
Mariä Himmelfahrt

Heutzutage wird, wenn jemand gestorben ist, der Sarg nicht aufgemacht. Früher war es zumindest auf dem Land üblich, dass die Verstorbenen im offenen Sarg aufgebahrt wurden. In einem Dorf in den Bergen starb einmal ein begeisterter "Trachtler". Standesgemäß wurde im in seiner Feiertagstracht - mit Trachtenjanker und Lederhose - im offenen Sarg aufgebahrt. Die Leute gingen vorbei, um einen letzten Blick auf den Verstorbenen zu werfen. Und manch einer konnte trotz des traurigen Ereignisses nicht ein kleines Schmunzeln vermeiden. Der Grund dafür: auf dem Hosenträger konnte man mit kunstvoll eingestickter Schrift lesen: "G'sund samma".

Die Hauptsache ist die Gesundheit. Dieser Satz fehlt bei fast keiner Gratulation, sei es zum Namens- oder Geburtstag oder auch beim Glückwunsch für ein gesundes neues Jahr. Für viele Zeitgenossen ist die Gesundheit das allerhöchste Glück und Gut. Was wird da nicht alles für die Gesundheit unternommen: Beauty und Wellness, Jogging und Nordic Walking, Schwimmen und Sauna. Damit ich jetzt nicht missverstanden werde: Gesundheit ist wichtig, sie ist zweifellos ein sehr hohes Gut? Der Lateiner sagt nicht umsonst, dass nun in einem gesunden Leib ein gesunder Geist wohne. Aber ist die Gesundheit wirklich das allerhöchste Gut? Werden dadurch nicht Alte, Kranke und Behinderte nicht in die zweite Reihe geschoben, wenn nur die Gesundheit zählt? Haben diese Personen dann überhaupt ein menschenwürdiges Leben? Oft genug werden Sie vorschnell abgeschoben in die entsprechenden Einrichtungen. Man/ frau will mit ihnen nicht in Berührung kommen.

Ich denke, dass wir uns hier auf eine Gradwanderung begeben. Auf der einen Seite ist die berechtigte Sehnsucht nach körperlicher und seelischer Gesundheit, schönem jugendlichen Schwung und ewiger Jugend. Auf der anderen Seite hat fast jede/r Angst vor schweren Krankheiten wie z.B. Krebs, AIDS, Alzheimer, um nur einige zu nennen. Wir Leben in einem Widerspruch von Leibvergötzung und Leibverachtung. Ich erwähnte bereits Wellness- und Beautyfarmen auf der einen Seite. Dem stehen gegenüber, dass Kinder, Frauen und unschuldige Menschen geschunden und geschändet werden. Und viele schauen weg, sie wollen eine "heile Welt".

In dieser Zwiespältigkeit werden wir heute, am Fest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel auf Maria, die Mutter Jesu zu schauen. Wir feiern heute: Sie ist von Gott ganz und gar aufgenommen und angenommen. Ganz und gar, d.h. mit all ihren Ängsten aber auch allen Freuden. Was wir heute von Maria glauben und bekennen, das erhoffen wir für jede und jeden von uns. All unser Glück und Unglück, all unsere Höhen und Tiefen, alle Sternstunden und alle Dunkelheiten, alle Wege und Umwege, das alles und noch viel mehr hat bei Gott seinen Platz und ist dort gut aufgehoben. Gott hat uns nicht nur geschaffen und auf diese Welt gestellt, um sich dann von uns abzuwenden und uns allein zu lassen. Gott ist unser Schöpfer und will unser Leben bei ihm. Keine Angst soll uns blockieren. Er macht uns immer die Zusage: "Fürchte dich nicht, ich bin bei Dir! In Maria ist uns von Gott zugesagt, dass unser oft mühevolles tägliches Leben nicht in einer dunklen Sackgasse endet

Das Fest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel wird von vielen nicht verstanden und man schüttelt den Kopf über so viel naives Denken. Der Himmel ist natürlich kein Ort über den Wolken. Und dennoch kann diese Ortsbeschreibung, so hinderlich sie auf der einen Seite ist, auch sehr hilfreich sein. Steigen Sie, zumindest in Gedanken, auf einen Berg oder auf einen hohen Turm. Wenn wir da hinunterschauen in dem oft so beschwerlichen Alltag, dann sieht das alles ganz anders aus. Dinge, die uns tagtäglich bedrohen und belasten verlieren, von "oben" her betrachtet ihre Bedrohung. Alles, was groß und wichtig erscheint, wird auf einmal winzig und klein. So Ähnlich hat es Reinhard May in seinem Lied "Über den Wolken" besungen.

Am Fest der leiblichen Aufnahme Mariens nimmt uns Maria gleichsam an der Hand und führt uns an einen "Ort", von dem aus wir hinaussehen können über alle irdischen Grenzen. Von der Warte Mariens betrachtet kann uns keine Krankheit, ja nicht einmal der Tod bedrohen. Wir sind mit Maria aufgehoben bei einem Gott, der unser Leben in die Hände nimmt, es aufhebt und ganz neu schafft.

Dies ist das Bekenntnis der Kirche am Fest Mariä Himmelfahrt, dass dieses Aufgehoben und Angenommensein bei Gott bei Maria bereits vollendet geschehen. So kann die Gottesmutter Maria, die auch unsere Mutter ist, für jeden Menschen auf der Welt, der hofft und noch zuversichtlich nach Vorne schaut zu einem echten Vorbild des erlösten Menschen werden. Könnten wir noch mehr diesem Vorbild nacheifern, würde manches in unserem Leben vielleicht schlichter, dafür aber überzeugender.

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30. September 2007
26. Sonntag im Jahreskreis
Himmel und Hölle

In jener Zeit sprach Jesus:
Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte. Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war. Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß. Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir, und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer. Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden. Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, so dass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte. Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören. Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. Da sagte Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht. " Lk 16,19-31

Ein Rabbi bat Gott einmal darum, den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubte es ihm und gab ihm den Propheten Elia als Führer mit. Elia führte den Rabbi zuerst in einen großen Raum, in dessen Mitte auf einem Feuer ein Topf mit köstlichen Gerichten stand. Aber die Leute sahen blass, mager und elend aus. Es herrschte eisige Stille. Die Menschen an dieser Tafel haben steife Handgelenke. Sie haben Messer und gabeln mit überlangen Stielen. Sie sind ihnen an ihren steifen handgelenke gebunden. - Dann ertönt ein Zeichen, und alle stürzen sich auf die Speisen. Sie fahren mit ihren überlangen Messern und gabeln umher, erreichen aber nichts. Sie werden immer gieriger, aber sie bekommen nichts in den Mund. 'So', sagte der Rabbi, 'scheint mir die Hölle zu sein.'

'Und wie sieht der Himmel aus?' fragte der Rabbi. Dann führte Elia den Rabbi in einen zweiten Raum der genauso aussah wir der erste. Auch darin steht eine Tafel mit erlesenen Speisen. Auch hier haben die Menschen steife Handgelenke, an die, wie im anderen Raum, Messer und Gabeln mit überlangen Stielen gebunden waren. - dann ertönte auch hier ein Zeichen, und alle begannen zu essen. Sie schnitten mit ihren überlangen Messern die Speisen und fütterten sich gegenseitig mit ihren überlangen gabeln an den steifen Handgelenken. Sie essen und feiern miteinander ein Freudenmahl. 'So', sagte der Rabbi, 'scheint der Himmel zu sein.'" (nach Willi Hoffsümmer, 255 Kurzgeschichten, Mathias-Grünewald-Verlag, Mainz, S 140). Von jeher bewegt die Menschen nach dem Ort für die Guten und die Bösen. Das Bedürfnis nach Belohnung für die Guten und die Bestrafung der Bösen findet sich in allen Religionen. Schon immer haben die Menschern daran gelittenen und tun es auch heute, dass es auf dieser Welt keine ausgleichende Gerechtigkeit gibt. Wir erleben es tagtäglich: Die Einen sind reicht und leben in Saus und Braus - die anderen sind arm und leben am Existenzminimum. Die Einen sind gesund, die Anderen sind arm. Und oft scheint es so zu sein, dass gerade die, die nach Gottes Willen zu leben versuchen auf der Schattenseite dieser Erde leben, und die Anderen, die den lieben Gott "einen guten Mann sein lassen", denen geht es gut. Wie wir diese Ungerechtigkeit nicht verstehen können, und weil mir meinen, irgendwann muss es ja eine Gerechtigkeit geben, verlagern sie viele Menschen in die Zeit nach dem Tod. D.h., die Guten kommen dann in den Himmel und die Bösen kommen in die Hölle. Genauso ist es im Evangelium vom reichen Prasser und dem armen Lazarus dargestellt. Er, der im Leben schon alles hatte, muss nun dafür büßen. Das ist doch nur zu gerecht. Oder?

Und wie der Himmel und die Hölle aussehen, dafür gibt es viele mehr oder weniger treffende Bilder, so wie auch die eingangs erwähnte Geschichte so ein Bild anbietet. Wenn die Bibel von der Hölle spricht, dann braucht sie ganz drastische Bilder. Schreckliche Schmerzen gehen einher mit fürchterlichen Qualen. Wir kennen alle künstlerische Darstellungen vom Höllenfeuer, in das die Verdammten geworfen werden, aus denen es kein Entrinnen mehr gibt. Der Begriff Himmel ist da etwas schwieriger zu erfassen. "Himmel" ist auf der einen Seite das Firmament mit Sonne Mond und Sterne. "Himmel" ist aber auch der Ort, an dem Gott wohnt. Später wird Himmel und Gott gleichgesetzt. Wer im Himmel ist, der ist gleichzeitig bei Gott. Die, die das Gute getan haben, werden später einmal ewig bei Gott sein, und die, das Böses getan haben, schmoren in alle Ewigkeit in der Hölle.

Im Sonntagsevangelium lesen wir, dass der reiche Prasser seine Brüder warnen möchte. Damit möchte er auch uns warnen. Er sagt auch uns indirekt: Geht an eure Leben nicht vorbei! Er sieht ein - zu spät, dass er eigentlich sein Leben verfehlt hat. Er merkt, dass er am eigentlichen Leben vorbeigegangen ist. Indem, dass er besessen und beherrscht war vom Geld und Immer- mehr-hauben-wollen, dass er auf seinem Zaster wie eine Bruthenne saß, hat er sein Leben verfehlt. Er hat den Anschluss verpasst und kann nur noch mit dem sprichwörtlichen "Ofenrohr ins Gebirge schauen." Er ist arm dran, einer armer Reicher, weil er das Himmel-Reich verpasst hat. So sagt er Dir und mir heute: Verpass dein Leben nicht, verlier nicht den Anschluss, indem du auf den falschen Zug aufspringst, nur weil die Dinge, die du zu besitzen meinst in Wirklichkeit Dich besitzen. Es kommt dabei nicht auf die Größe des Besitzes an. Ich habe es oft gerade bei denen bemerkt, die sehr wenig ihr Eigen nennen, wie die geradezu besessen sind von dem Wenigen. Wer sich von Gott beschenkt weiß, der wird auch schenken und so das Ziel nicht verfehlen.

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18. November 2007
33. Sonntag im Jahreskreis

Lasst euch nicht erschrecken- standhaft bleiben

Als einige darüber sprachen, dass der Tempel mit schönen Steinen und Weihegeschenken geschmückt sei, sagte Jesus: Es wird eine Zeit kommen, da wird von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden. Sie fragten ihn: Meister, wann wird das geschehen und an welchem Zeichen wird man erkennen, dass es beginnt? Er antwortete: Gebt Acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es!, und: Die Zeit ist da. - Lauft ihnen nicht nach! Und wenn ihr von Kriegen und Unruhen hört, lasst euch dadurch nicht erschrecken! Denn das muss als erstes geschehen; aber das Ende kommt noch nicht sofort. Dann sagte er zu ihnen: Ein Volk wird sich gegen das andere erheben und ein Reich gegen das andere. Es wird gewaltige Erdbeben und an vielen Orten Seuchen und Hungersnöte geben; schreckliche Dinge werden geschehen und am Himmel wird man gewaltige Zeichen sehen. Lk 21,5-11

"Lasst euch nicht erschrecken", so heißt es im Evangelium. vom 33. Sonntag im Jahreskreis Dabei wird von Ereignissen berichtet, die sehr wohl Schrecken verbreiten: Kriege und Unruhen, Erdbeben, Seuchen und Hungersnöte. Besonders deutlich wird diese apokalyptische Szenerie darin, dass Jesus von der Zerstörung des Jerusalemer Tempels spricht: "Kein Stein wird auf dem anderen bleiben, alles wird niedergerissen werden." Für jüdische Ohren war das ein unfassbarer Gedanke, der Inbegriff des Weltuntergangs. Aber nicht nur das: Den Jüngern Christi wird prophezeit, dass sie im Namen Jesu festgenommen und verfolgt werden. Vor Gericht werden sie stehen, in Gefängnisse geworfen, um so Zeugnis für ihren Glauben abzulegen. Sogar den nächsten Angehörigen können sie nicht mehr trauen. Eltern und Geschwister, Verwandte und Freunde werden sie verraten und ausliefern. Manche werden zu Tode kommen. Und doch sagt Jesus: "Lasst euch nicht erschrecken." Der redet sich leicht, könnten wir jetzt einwenden.

Jesus spricht nicht nur vom Erschrecken, er fügt hinzu: "Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben haben." - Ruhe und Gelassenheit statt Furcht und Schrecken, standhafter Glaube statt Glaubenszweifel angesichts der bevorstehenden furchtbaren Ereignisse ist also angesagt.

Mit der drohenden Zerstörung des Tempels ist die Frage nach dem Ende der Zeit und der endzeitlichen Wiederkunft Christi verknüpft. "Meister, wann wird es geschehen, und an welchen Zeichen wird man erkennen, dass es beginnt?", fragen die Jünger. Jesus lässt die Frage nach dem Ende offen. Er warnt seine jünger davor, denen Glauben zu schenken, die behaupten, das Ende sei da, oder die sich sogar für den wiederkehrenden Christus ausgeben. All das Prophezeite wird geschehen. Aber letztendlich bleibt es als Zeichen eines Endes unklar in seiner Aussagekraft.

Vielleicht wird es den aufmerksamen Leser oder die aufmerksame Leserin dann auch nicht verwundern, dass der Tempel in Jerusalem schon längst zerstört war, als der Evangelist Lukas diese Zeilen niedergeschrieben hat. Der Tempel war bereits zerstört und die Welt ist dennoch nicht untergegangen. Die Kriege und Unruhen, die Seuchen und Hungersnöte, die Verfolgung und den Verrat aber gab es immer noch. Vielleicht wollte Lukas die Christen seiner Zeit mit der Aufforderung zur Standhaftigkeit auf das nahende Ende vorbereiten. Aber er hat auch den Vorbehalt eingebaut, den Zeichen des scheinbar nahenden Endes nicht blindlings zu vertrauen.

Die Aufforderung Jesu zur Standhaftigkeit bekommt vor diesem historischen Hintergrund eine andere Nuance - nicht mehr: "Seid standhaft im Glauben, weil das Ende naht", sondern: "Seid standhaft im Glauben, obwohl das Ende ausbleibt." Das Schlimme in der Welt passiert und das Ende mit der Wiederkunft Christi zum Gericht lässt auf sich warten. Eine Zumutung für die Glaubenden? Wäre das nicht Grund genug, mit Gott ins Gericht zu gehen? Warum lässt er all die Gewalt, Krankheit, Hunger und Seuchen überhaupt zu? Wieso kommt er nicht, um all die, die dafür Verantwortung tragen, zu richten?

Der Text des heutigen Evangeliums stellt diese Fragen nicht. Vielmehr ermuntert er zu Ruhe und Gelassenheit, zur Standhaftigkeit im Glauben, obwohl das Ende zunächst ausbleibt. Denn Gott ist bereits da. Dies wird an einer der Zusagen Jesu an die jünger besonders deutlich: Christus wird ihnen durch seine Gegenwart die Erfahrung schenken, dass sie nicht für ihre Verteidigung sorgen müssen. Worte der Weisheit werden ihnen eingegeben, so dass alle ihre Gegner nicht gegen sie ankommen können. Es ist die Erfahrung der Gegenwart Gottes trotz des Leides oder im Leid, die diesen Text auch heute aktuell werden lässt. Wie anders soll ein Christ angesichts des Leids heutiger Tage in seinem Glauben bestehen können? Nicht die Hoffnung auf Gott, der am Ende der Zeiten in die Ungerechtigkeit der Welt eingreift, macht den Kern der Frohbotschaft aus. Vielmehr wird der Glaube getragen durch die Hoffnung auf Gott, der da ist, auch in diesen schlimmen Ereignissen. Gott, auf den wir vertrauen dürfen, auch wenn wir in unserer Zeit, in unserem Leben von Ungerechtigkeit und Leid heimgesucht werden. "Seid standhaft und ihr werdet das Leben gewinnen." Eine Verheißung im Leid, nicht nur für die Menschen von damals, sondern auch für die Menschen von heute.

Herr,
rette mich,
damit ich standhaft bleibe,
mache mich standhaft,
damit ich gerettet werde.
(Elmar Gruber)

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