Die bayerischen Kapuziner
Bruder Konrad von Parzham

Ein Heiliger aus unserer Ordensprovinz:
Bruder Konrad von Parzham
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P. Viktrizius Weiß
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    Predigten von P. Heinz Naab (+), Augsburg
    Predigttermin:
    15. 04. 2001
    19. 08. 2001
    01. 11. 2001
    30. 12. 2001
    17. 03. 2002
    19. 05. 2002
    04. 08. 2002


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    Predigten P. Heinz Naab, Augsburg 15. 04. 2001


    "Lumen Christi"


    Aus dem Exsultet (Osterlob) der Osternacht:

    "O wahrhaft selige Nacht, dir allein war es vergönnt, die Stunde zu kennen, in der Christus erstand von den Toten. Dies ist die Nacht, von der geschrieben steht: "Die Nacht wird hell wie der Tag, wie strahlendes Licht wird die Nacht mich umgeben." Der Glanz dieser heiligen Nacht nimmt den Frevel hinweg, reinigt von Schuld, gibt den Sündern die Unschuld, den Trauernden Freude. Weit vertreibt sie den Hass, sie einigt die Herzen und beugt die Gewalten."

    Die Lesungen der Osternacht:
    1. Lesung: Gen 1,1 - 2,2
    2. Lesung: Gen 22,1 -18
    3. Lesung: Ex 14,15 - 15,1
    4. Lesung: Jes 54,5 -14
    5. Lesung: Jes 55,1-11
    6. Lesung: Bar 3,9 - 15.32 - 4,4
    7. Lesung: Ez 36, 16 - 17a.18 - 28
    Epistel: Röm 6,3 -11
    Evangelium: Lk 24,1 - 12

    Als Kind bin ich mit einem glühenden Holzscheit heimgesprungen und habe Rauch, Osterfeuerrauch ins Haus gebracht. Das ist mir hängen geblieben. Von den langen Lesungen hab ich auch als Ministrant nichts mitbekommen.

    Die langen Lesungen sind geblieben. Das Feuer wird nicht mehr aus dem Stein geschlagen und zumeist recht zahm gehalten. Sein Licht ertrinkt in den allgegenwärtigen Straßenlaternen. Feuer sollte das erste Zeichen sein, womit die Liturgie uns in dieser Nacht den Glauben erschließt. Nur selten erleben wir noch unmittelbar das Feuer, sein Prasseln, Flammenspiel, Funkensprühn: ein Urbild göttlicher Energie.

    Die Nacht des Todes wird von keinem Licht ausgeleuchtet. Um das Osterfeuer, um die Osterkerze entsteht inmitten des Dunkels nur der Raum des Glaubens. Diese Nacht feiern wir, weil sie einen Lichtraum umhüllt, weil ein göttliches Feuer in ihr glüht.

    In dieser Nacht feiern wir den Atem der Schöpfung, feiern wir die Schöpfung, herausgeliebt aus den Wassern der Urflut und dem Chaosdunkel seit Anbeginn und in jedem Augenblick neu. Das Licht feiern wir, unser Vermögen zu sehen und zu erkennen. Alle geschaffene Wirklichkeit besingen wir als Offenbarung, eingetaucht und durchtränkt vom Geheimnis. Das Leben feiern wir in seiner Vielfalt und den Menschen als Abbild Gottes. Und auch die Todesnacht feiern wir, die Todesnacht Jesu und unsere eigene, die dunkle Schwester und Mutter. Aus ihr erblüht das Leben. Unseren Gott feiern wir, der uns dunkel bleibt und ein Abgrund.

    Geschichten erzählen wir, weil sie eine Verheißung weitergeben. Nicht das Opfer des Liebsten will Gott für sich, sondern die Fülle des Lebens für uns.

    Zum Mythos gewordene Geschichte erzählen wir: Errettung aus Unfreiheit und satter Zufriedenheit. Auf den Freund unseres Lebens besinnen wir uns. Vom Sturm ausgepeitscht und ohne Trost erinnern wir uns an den Schwur seiner Treue und lassen uns Würde zusprechen: das Fundament aus Malachit, die Grundmauern aus Saphir, aus Rubinen die Zinnen und aus Beryll die Tore. Aus kostbaren Steinen erbaut der göttliche Gemahl das Haus unseres Lebens.

    Die Weisheit besingen wir als das Geschenk unseres Lebens. Nicht angelerntes Wissen führt durchs Leben sondern eine verborgen wirkende Kraft.

    Wie ein roter Faden zieht es sich durch die Lesungen dieser Nacht: Gott handelt gerade dann, wenn Nacht sich über unser Leben legt. Dort wo wir zur Schande werden selbst für unseren Gott vor aller Welt holt er uns heraus, sammelt uns, reinigt uns, gibt uns ein neues Herz und einen neuen Geist.

    So nähern wir uns dem Kern unseres Glaubens: Wie Christus Jesus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so werden auch wir, die wir auf seinen Tod getauft sind, auch mit ihm auferstehen.

    Was das bedeutet ahnen wir nur. Es erfüllt sich dann, was die Erfahrungen mit Gott sind in der Geschichte Israels und hoffentlich nicht weniger in unserer eigenen Lebensgeschichte. Das Wort der zwei Männer in leuchtenden Gewändern ist kein dummes Geschwätz. Wir glauben. Vielleicht ist unser Glaube auch nur eine Verwunderung über all das. Unser Osterglaube mündet ein, drückt sich aus in der Feier des fundamentalen sakramentalen Zeichens. in Wasserweihe und Taufe.

    Das Licht des Auferstandenen senkt sich ins Wasser, befruchtet es, zeugt Leben. Geboren bin ich aus der geheimnisvollen Tiefe des göttlichen Schoßes.



    19. 08. 2001
    20. Sonntag im Jahreskreis
    Feuer auf die Erde

    Das Evangelium nach Lukas (Lk 12, 49 - 53)

    Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen! 50 Ich muß mit einer Taufe getauft werden, und ich bin sehr bedrückt, solange sie noch nicht vollzogen ist. 51 Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung. 52 Denn von nun an wird es so sein: Wenn fünf Menschen im gleichen Haus leben, wird Zwietracht herrschen: Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei, 53 der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen ihre Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.

    Die großen Künstler haben ihre Bilder nicht nur auf Holz und Leinwand gemalt. Vielmehr haben sie ihre Bilder in unsere Seelen hineingegeben. Das Bild von Jesus ist zudem in uns eingekerbt durch guten oder schlechten Religionsunterricht, durch gute oder schlechte Predigten. Jesus ist durch die immer neu gestellte Frage, wer er sei, vor allem durch die kirchliche Lehrentwicklung zum Christus des Glaubens geworden. Modeme, nicht orthodoxe Theologen rütteln an diesem Bild. Jesus gibt ihnen dazu Anlass. Weder der göttlich sanfte Heiland noch der wiederkommende Weltenrichter, weder der Gekreuzigte noch der Auferstandene zeigt uns die vielfältigen Facetten, wie sie die Evangelisten andeuten.

    In Lk 12,49-53 bezeichnet sich Jesus als Brandstifter und Störenfried. Er spricht eine radikale Sprache, wie wir sie von Revolutionären kennen. "Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen; wie froh wäre ich, es würde schon brennen."

    Es ist ja wahr, mit Berufung auf Jesus sind viele unheilvolle Brände auf der Erde gelegt und geschürt worden. Glaubenskriege mit all ihrem Fanatismus bis heute Jesus in die Schuhe zu schieben, würde ihm freilich nicht gerecht. Und Entzweiung in Familien und Völkern, Spaltung bis hinein in das eigene Gefühlsleben hat tatsächlich viel zu tun mit dem Anspruch, den Jesus erhebt. Dieser Anspruch ist von einer Radikalität, der er zuerst sein eigenes Leben unterwirft. "Ich muss mit einer Taufe getauft werden, und wie sehr bin ich bedrückt, solange sie noch nicht vollzogen ist." Es ist nicht der symbolische Ritus, den Johannes an ihm vollzogen hat. Es ist das, worauf freilich auch diese Taufe hindeutet. Wie Jeremias in der Grube voller Schlick und Schlamm, hinabgelassen in die Finsternis von Grauen und Todesangst, so wird auch Jesus seine Treue zu seiner Berufung unter Beweis stellen müssen. Das weiß er. Dieser Druck auf der Seele treibt ihn in die Konfrontation. Jesus hat eine ähnlich radikale Sprache, wenn er seinen Jüngern die Bedingungen ihrer Nachfolge aufzeigt.

    Wer war Jesus? Deckt sich diese radikale Seite an Jesus noch mit dem Heiland, der die Bedrückten ermuntert mit dem Wort: "Mein Joch drückt nicht und meine Bürde ist leicht"? Jenes Feuer, das er auf die Erde werfen will, es muss ein Heil und Segen bringendes Feuer sein. Wäre es eine Feuersbrunst, wie sie Revolutionäre legen oder Fanatiker entfachen, dann wäre er nur einer von diesen. Und da ist ein einziger schon zuviel.

    Was ist das für eine Spaltung, die er hineinträgt bis in die Beziehungen innerhalb einer Familie? Und welchen Frieden will er nicht bringen, wenn er sagt: Meinen Frieden gebe ich euch, nicht wie die Welt ihn gibt?

    Die Worte Jesu wollen aufrütteln. Sie zwingen zum Nachdenken. Es sind Bildworte, die sich elementarer Symbole bedienen: Feuer und Wasser. Alle Elemente können Inbegriff von Heil und Unheil sein: Das Feuer des Geistes und der Hölle, das Feuer das wärmt und das alles niederbrennt, das Wasser des Lebens und der verschlingenden Flut. Das Wort vom Frieden rührt an die Sehnsucht des menschlichen Herzens und darum kann es so leicht missbraucht werden. Unsere Wünsche nach Frieden können allzu billig, allzu naiv sein, sie können eine Ausgeburt von Ungerechtigkeit sein. Unsere Vorstellungen von einer heilen Welt müssen immer wieder aufgebrochen werden und sich an einem Anspruch messen, der von Gott vorgelegt wird. Wir werden aufgescheucht, wenn wir uns eingerichtet haben. Es gibt ein Mehr an Eigenständigkeit und Verantwortung, es gibt eine größere Gerechtigkeit und Menschlichkeit als die üblichen Verhaltensregeln fordern.

    Jesus will in uns ein Feuer entzünden, eine Energie wecken, Geist einhauchen. Der brennende Dornbusch soll in unserem eigenen Herzen als Gotteserfahrung in uns auflodern. Dieses Feuer soll überall brennen, wo Menschen berufen werden, die eigene Freiheit zu wagen und andere aus der versklavenden Sattheit herauszuführen. Es ist dies ein schmerzvoller Vorgang.

    Dass die Not der seelischen Entwicklung heilvoll und notwendig ist, scheint eine allgemeine Erfahrung. Ob die unheilvollen Erfahrungen der Geschichte in der Auseinandersetzung um Recht und Wahrheit auch verstanden werden dürfen als ein schmerzvolles Hineinwachsen in eine menschlichere Zukunft, wissen wir nicht. Aber ich hoffe es. "Dein Reich komme!"




    01. 11. 2001
    Allerheiligen

    Das Evangelium nach Matthäus (Mt 5, 1 - 12a)

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    Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. 2 Dann begann er zu reden und lehrte sie. 3 Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. 4 Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. 5 Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. 6 Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. 7 Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. 8 Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. 9 Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. 10 Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich. 11 Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. 12 Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.

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    Nicht deswegen, weil der Papst jemanden heilig spricht, ist er ein Heiliger. Der Papst bestätigt und macht allgemein bekannt, wovon viele längst überzeugt sind. Päpstliche Autorität will aufzeigen: Im Leben dieses Menschen hat der Geist Gottes gewirkt und ihn fähig gemacht, sich der Aufgabe seines Lebens zu stellen. Um das Wirken des göttlichen Geistes wahrzunehmen und unterscheiden zu können von sich aufplusternder Eitelkeit werden einzelne als wirklich Große, als Heilige, als Vorbilder vor Augen gestellt. Die getroffene Auswahl mag einseitig sein, sie kann auch von unterschiedlichen Beweggründen gesteuert sein.

    Als zur Zeit des Naziregimes ein Bruder Konrad heilig gesprochen wurde, war er eine Gegengestalt zum propagierten Herrenmenschen. Wenn heute Märtyrer des Naziregimes selig gesprochen werden, dürfen wir uns fragen, warum erst jetzt und dürfen dankbar zur Kenntnis nehmen, ja sie waren wirkliche Märtyrer wie jene glorreichen Gestalten früherer Zeiten. Diese und ungezählte und ungenannte. Was einen Heiligen ausmacht ist von den Vorstellungen einer Zeit abhängig. In ihren Lebensbeschreibungen werden die Heiligen gern in eine Schablone hineingepresst. So werden die Heiligen, die natürlich immer auch Kinder ihrer Zeit waren, auch zu Kindern jener Zeit gemacht, in die sie hineinleuchten sollen.

    Von Heiligen möchte ich erwarten, dass sie ähnlich wie große Künstler oder große Politiker ihrer Zeit einen Schritt voraus waren, dass ihre Einsicht und ihre Urteilskraft nicht im Sog der Tagesmeinung schwamm.

    Von Heiligen möchte ich erwarten, dass sie die Seligpreisungen Jesu in ihrer Wahrheit erkannt und erfahren haben.

    Die geistige Entwicklung der Menschheit lässt uns heute einen anderen Maßstab anlegen als es zu früheren Zeiten im Bereich der Vorstellung lag. Von den Heiligen früherer Epochen dürfen wir nicht erwarten, dass ihnen Menschenrechte wie Freiheit und Gleichheit so einsichtig waren wie sie uns zumindest theoretisch sind. Dem war so nicht, aber wenn ein Mensch nicht doch den Vorstellungsrahmen seiner Zeit sprengen konnte, war er kein Großer, auch kein großer Heiliger.

    Viele Heilige werden deswegen verehrt, weil sie in einem bedeutenden Bereich viel geleistet haben. Diese Leistung überstrahlt manche Schatten in ihrem Leben. Sie waren vielleicht große Theologen und gleichzeitig schwierige Zeitgenossen. In diesem Sinn darf von jedem Heiligen gesagt werden, dass er gleichzeitig auch ein Sünder war. Wenn wir die Schwächen suchen, finden wir sie. Wir sollten aus ihnen keine Tugenden machen. Wir dürfen beides sehen: Licht und Schatten. Nur so werden wir einem Menschen gerecht.

    Allerheiligen ist als Fest jenen gewidmet, die nicht im Kalender stehen, die nicht ins Rampenlicht der Verehrung gerückt wurden. Einzelne nur stehen isoliert in einsamer Größe. Bei manchen wird hinzugefügt: und seine Gefährten oder wie bei der heiligen Ursula: und ihre elftausend Jungfrauen. Wir dürfen uns so etwas bei vielen Heiligen dazudenken. Wenn ich etwa den heiligen Bruder Konrad betrachte - sein Leben unterscheidet sich nicht sonderlich von dem vieler seiner Mitbrüder. Er war einer von ihnen. Seine innere Gestalt wächst ebenso wie sein äußeres Erscheinungsbild aus einer gemeinsamen spirituellen Tradition und ist von ihr getragen. Warum er herausgegriffen aus der Schar vieler, dem persönlichen Vergessen entrissen, als Heiliger verehrt wird, mag offen bleiben. Es gibt dafür auch eher zufällige Gründe. Das Fest Allerheiligen weist hin auf die vielen unbekannten "Gefährten". Es lenkt unseren Blick auf Gestalten persönlicher Erinnerung, auf Menschen, zu denen wir auch noch nach ihrem Tod aufblicken. So wird in unserem Urteil verschwommen und belanglos die Grenze zwischen denen, die wir an Allerheiligen ehren und denen, die wir an Allerseelen ehren.

    Denn jenseits menschlicher Leistung und unabhängig jeder persönlichen Schwäche, es ist die Gnade Gottes, die liebende Zusage des Schöpfers, die den Menschen hineinhebt in die Vollendung.


    30. 12. 2001
    Heilige Familie
    Predigt zum Sonntag nach Weihnachten

    Das Evangelium nach Matthäus (Mt 2, 13-15, 19-23)

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    Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. 14 Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. 15 Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen. 19 Als Herodes gestorben war, erschien dem Josef in Ägypten ein Engel des Herrn im Traum 20 und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und zieh in das Land Israel; denn die Leute, die dem Kind nach dem Leben getrachtet haben, sind tot. 21 Da stand er auf und zog mit dem Kind und dessen Mutter in das Land Israel. 22 Als er aber hörte, dass in Judäa Archelaus an Stelle seines Vaters Herodes regierte, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und weil er im Traum einen Befehl erhalten hatte, zog er in das Gebiet von Galiläa 23 und ließ sich in einer Stadt namens Nazaret nieder. Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Propheten gesagt worden ist: Er wird Nazoräer genannt werden.

    Er wirkt wie ein Nachschlag, dieser Sonntag zwischen Weihnachten und Neujahr, den wir als Fest der Heiligen Familie feiern. Denn Weihnachten selbst wird als Fest der Familie verstanden gerade in der Bevölkerung ohne bewusste Anbindung an den Glauben. An Weihnachten werden Erinnerungen wach. Gefühle aus der eigenen Kindheit möchten Eltern auch ihren Kindern als einen emotionalen Schatz mitgeben. So verbinden sich mit Weihnachten hohe Erwartungen, die nicht mehr erfüllt werden. Immer mehr Menschen flüchten deswegen vor diesem Gefühlsdruck.

    Das Bedürfnis nach menschlicher Wärme, nach Geborgenheit, nach Vertrauen, Zugehörigkeit ist fundamental. Es kann nicht abgedeckt werden durch teure Geschenke und nicht überspielt werden mit Spaß oder einem Flug in wärmere Zonen. Familie hat einmal dieses Bedürfnis zu einem großen Teil abgedeckt. Wer nicht eingebunden war in ein großes Beziehungsgeflecht von Ahnen und Enkeln, Onkeln und Tanten, Neffen und Nichten, von vielen Brüdern und Schwestern , galt als arm. Die große Familie war wie ein Trainingslager oder Basislager für den Aufstieg ins Leben und war ein Ort des Rückzugs und der Regeneration. Auch heute suchen im Glück ihrer Familie ganz viele Menschen Sinn. Sinn des Lebens wird gefunden in gelungener Partnerschaft, in der Freude an den Kindern, im Glück Kinder zu haben, die dem Leben gewachsen sind. Und genauso können wir sagen, dass heute ganz viele Menschen diese elementare Erfahrung von Glück und Sinnfindung für Ihr Leben relativieren als romantische Gefühlsduselei. Prioritäten im Leben haben: Erfolg im Beruf, Unabhängigkeit, finanzielle Vorteile.

    Dem steht die Verantwortung für eine Familie sehr entgegen. Und so haben wir unsere Statistiken über Singles, Scheidungen, kinderlose Paare, Alleinerziehende. Soziologen sprechen davon, dass die größte Umwälzung und Herausforderung unserer Zeit genau darin liegt, dass die traditionelle Form der Familie zerbricht. Sie zerbricht am modernen Lebensgefühl und im Sog gesellschaftlicher Entwicklungen. Die sich anbahnenden Möglichkeiten wissenschaftlich-technischer Reproduktion auch menschlichen Lebens ist das letzte Glied in dieser Entwicklung. Die Familie zerbricht, obwohl zu keiner Zeit so reflektiert bewusst und durch wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt, jeder einzelne in jeder Lebensphase nichts nötiger hat, als das was eine intakte Familie gibt.

    Das Evangelium löst dieses Dilemma nicht vorschnell. Auch Jesus relativiert die Familie. Für ihn gibt es wichtigeres. Sein Wort hat eine sprengende Kraft, wo Beziehungen sich selbst genügen wollen und bindet zusammen, wo Verantwortung füreinander nicht abgestreift werden darf. Er selbst gründet keine Familie. Für ihn ist Mutter, Schwester und Bruder, wer Gottes Wort annimmt. Er löst Männer heraus aus ihren Familien und lebt mit ihnen einer Aufgabe willen. Und er kommt auch nicht aus einer intakten Familie. Die Heilige Familie: Jesus, Maria und Josef sind alles andere als eine Familie. wie wir sie uns wünschen.

    Und doch wird sie uns heute als Vorbild hingestellt. Josef steht zu Maria, obwohl seine Beziehung zu ihr überschattet ist von Fragen, die nur Glaube und großes Vertrauen stehen lassen kann. Maria nimmt den Rechtsschutz an, den ihr Josef mit der Zweckehe geben kam. Wir wollen annehmen, dass unvorstellbar heilig Großes, das in Ihr Leben eingebrochen ist, zärtliche Liebe zwischen Josef und Maria nicht todgetrampelt, sondern qualitativ neu geweckt hat. Jesus ist ihnen untertan, obwohl das Bewusstsein schon des Zwölfjährigen seine Familienbindung sprengt.

    Die gar nicht ideale Heilige Familie hat tröstliche Aspekte für unsere Familien, die nur noch ausnahmsweise eine ideale Form haben. Segen Gottes kann auch dort ruhen, wo kirchliche oder staatliche Gesetze keine Rahmenbedingungen schaffen. Die Sehnsucht eines Menschen nach Geborgenheit und Zugehörigkeit wird vermutlich in keiner noch so idealen Familie ganz erfüllt. Das Unerfüllte kann den Hunger nach dem Du Gottes wecken. Sinnerfüllung des Lebens muss von ganz vielen heute gesucht werden in Bereichen, die nicht aufgehen im kleinen Glück einer Familie. Aber wer gibt diesen vielen Menschen die seelische Voraussetzung dafür, wenn nicht eine Familie?

    In seiner Beziehung zu Mutter und Vater, zu Brüdern und Schwestern, zu Omas und Opas, oder nur zur Oma, nur zum Vater hat ein jeder erstes Glück erfahren, bruchstückhaft und zerbrechlich. In diesem Glück lag eine Verheißung für das Leben. Darum bleibt auch eine Sehnsucht, die selbst die ideale Familie nicht ganz erfüllen kann und nicht abdecken darf. Ein Funke nur, aber ein göttlicher.



    17. März 2002
    5. Fastensonntag
    Lazarus. komm heraus!

    Jo 11,1 - 44

    In jener Zeit war ein Mann krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf, in dem Maria und ihre Schwester Maria wohnten. Maria ist die, die den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar abgetrocknet hat; deren Bruder Lazarus war krank. Daher sandten die Schwestern [des Lazarus) Jesus die Nachricht: Herr, dein Freund ist krank. Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden. Denn Jesus liebte Maria, ihre Schwester und Lazarus. Als er hörte, daß Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt. Danach sagte er zu den Jüngern: Laßt uns wieder nach Judäa gehen. Die Jünger entgegneten ihm: Rabbi, eben noch wollten dich die Juden steinigen, und du gehst wieder dorthin? Jesus antwortete: Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wenn jemand am Tag umhergeht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht; wenn aber jemand in der Nacht umhergeht, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist.

    So sprach er. Dann sagte er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken. Da sagten die Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, darin wird er gesund werden. Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen, während sie meinten, er spreche von dem gewöhnlichen Schlaf. Darauf sagte ihnen Jesus unverhüllt: Lazarus ist gestorben. Und ich freue mich für euch, daß ich nicht dort war; denn ich will, daß ihr glaubt. Doch wir wollen zu ihm geben. Da sagte Thomas, genannt Didymus, - Zwilling -, zu den anderen Jüngern: Dann laßt uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben.

    Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen. Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt. Viele Juden waren zu Maria und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten. Als Maria hörte, daß Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus. Maria sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben. Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Maria sagte zu ihm: ich weiß, daß er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag, Jesus erwiderte ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird ]eben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das? Maria antwortete ihm: Ja, Herr, ich glaube, daß du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll. Nach diesen Worten ging sie weg, rief heimlich ihre Schwester Maria und sagte zu ihr: Der Meister ist da und läßt dich rufen, Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und ging zu ihm. Denn Jesus war noch nicht in das Dorf gekommen; er war noch dort, wo ihn Maria getroffen hatte. Die Juden, die bei Maria im Haus waren und sie trösteten, sahen, daß sie plötzlich aufstand und hinausging. Da folgten sie ihr, weil sie meinten, sie gehe zum Grab, um dort zu weinen. Als Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen und sagte zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben. Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommmen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert. Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh! Da weinte Jesus. Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte! Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, daß dieser hier starb? Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war.

    Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, entgegnete ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag. Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen? Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, daß du mich erhört hast. Ich wußte, daß du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, daß du mich gesandt hast. Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden, und laßt ihn weggehen! Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.

    Angenommen heute: ein Toter, der schon vier Tage im Leichenhaus liegt, steht auf. Der Arzt hätte sich geirrt und einen Scheintoten für tot erklärt. Hätte sich der Arzt nicht geirrt, dann müssten die Kriterien für Todsein wie Herzstillstand, kein Reflex, keine Gehirnströme, Erstarren revidiert werden. Wir sprechen auch von reanimieren. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung als würde die Seele, die den Leib verlassen hat, wieder in ihn zurückkehren. Menschen, die dem Tod nahe waren, beschreiben solches immer wieder als ihr subjektives Erleben. Der auferweckte Lazarus gibt unserer Neugier keine Antwort. Er war tot. Jesus hatte zwar gesagt diese Krankheit führe nicht zum Tod sondern zur Verherrlichung Gottes. Aber auch für Jesus war er tot wie ein Mensch nur tot sein kann. Hätte er sonst geweint, wäre er sonst bis ins Innerste erschüttert gewesen? Er hat den Lazarus lieb gehabt. Sein Tod, das Grab, der Rollstein, vielleicht waren das für Jesus Eindrücke, in denen er sein eigenes nahes Ende wahrnahm. Warum hat er den Lazarus herausgerufen? Lazarus wird bald wieder gestorben sein. Fast makaber klingt es, wenn Johannes schreibt: Die Hohenpriester beschlosssen, auch den Lazarus zu töten, weil viele Juden seinetwegen hingingen und an Jesus glaubten (Jo 12,10f). Wir würden es uns immer wieder wünschen, daß unsere Toten zurückgerufen werden, auch wenn wir es wissen, daß darin nicht die Lösung liegt. Gott sei Dank können, müssen, dürfen wir alle sterben.

    Alle anderen Wunder, die von Jesus berichtet werden, können wir leichter für wahr halten. Wenn Tote lebendig werden, dann ist der Tod keine letzte Wirklichkeit, dann ist er tatsächlich nur des Schlafes Bruder. Dann ist die göttliche Macht dem Tod überlegen. Dann ist auch der Tod noch umfangen und durchatmet von all dem, was wir göttlichem Geist zumuten: erschaffen, beleben, trösten, lieben, beschenken... Wir tun uns leichter das zu glauben für ein Sein jenseits dieser Welt und Zeit, für die Auferweckung am Jüngsten Tage. So wie Martha. Wenn Jesus im Hier und Jetzt in der Kraft des göttlichen Geistes den toten Lazarus erweckt, ist es wie ein Vorspiel für den Ostermorgen. Aber selbst den Ostermorgen nehmen wir leichter an, weil Jesus nicht zurückgekommen ist sondern hinübergegangen ist, weil sein Leib nicht wieder sterblich war, sondern verklärt.

    Ist die Auferweckung von Lazarus gar nicht so wörtlich gemeint wie sie uns voller Einzelheiten berichtet wird? Ist es eine fantasierte Geschichte? Wird sie nur erzählt, damit sie von Theologen mit allen Regeln ihrer Kunst gedeutet wird und meint sie etwas anderes als der naive Leser meint? Märchen und Mythen gibt es viele, in denen Tote wieder lebendig werden. Sie sind in ihren Deutungen unendlich tiefsinnig und sind so gesehen auch wahr. Aber ihre Helden empfinden wir als Fantasiehelden, wir vertrauen ihnen nicht unser Leben und Sterben an. Jesus hat Glauben geweckt. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt wird leben, auch wenn er stirbt und jeder der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben. Wie immer ich die Erzählung von der Auferweckung verstehen kann, die Frage ist an mich gerichtet: Glaubst du das? Glaube ich, daß Jesus meinen Namen hineinruft in mein namenloses Verlorensein, daß sein Ruf mich erreicht, dann wenn mir alles in Gleichgültigkeit entschwindet, wenn ich gebunden und gefangen bin? Glaube ich, daß es möglich ist herauszugehen aus der Dunkelheit meines Grabes, weil er ruft: Komm heraus!? Ich muß nicht auf den Jüngsten Tag warten. Wer glaubt, lebt.

    19. Mai 2002
    Pfingstsonntag
    Vom "Brüten" Gottes

    Seit wann weht der Atem Gottes in dieser Weit? Sicher nicht erst seit jenem ersten christlichen Pfingsten, wo er in Sturm und Feuerzungen sich bemerkbar gemacht hat. Vom Geist Gottes heißt es, daß er über den Urwassern schwebte. vgl.- Gen 1,2 Dahinter stecken Bilder von einem Vogel, der das Weltenei ausbrütet. Alles Geschaffene ist durchwärmt und belebt durch das Hineinatmen göttlicher Liebe. "Sende aus deinen Geist und alles wird neu geschaffen und du wirst das Angesicht der Erde erneuern!" Dieses "Brüten" Gottes ist eine uralte , für uns freilich nicht mehr vertraute Vorstellung. Mit seiner Welt ist Gott noch längst nicht fertig und der Tag seiner Ruhe steht noch aus. Die jährlichen Wunder der Natur vom Knospen und Blüten zur Frucht können wir in diesem Bild sehen ebenso wie das unendlich langsame Reifen des menschlichen Geistes durch die sich ablösenden Kulturen. Gottes Geist wirkt und er formt den Menschen auf sein wahres Bild hin. Vom Geist Gottes ist sicher auch die Rede wenn gesagt wird: "Da formte Gott, der Herr den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen" Gen 1,7 Ganz ähnlich heißt es heute im Evangelium: "Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfanget den Heiligen Geist. Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert." Joh 20, 22f So wie der Mensch durch den Anhauch Gottes zum lebenden Wesen wird - denn seine ganze Existenz gründet in der ihm zuströrnenden Liebe Gottes-, so wird der Jünger Jesu durch den Anhauch Jesu zu einer neuen Qualität von Leben erweckt. Der Geist ist es, der lebendig macht. So bekennen wir im Credo. Und ohne Begeisterung sind wir mehr tot als lebendig. Das biologische Leben mit seinen körperlichen und seelischen Funktionen wird zum Gleichnis für das, was in einem neuen Sinn "Leben" genannt wird.

    Die Wirklichkeit des Menschen wird erfasst, verwandelt, hineingenommen in die Wirklichkeit Gottes, des lebendigen Gottes- Eine göttliche Qualität wird dem Menschen geschenkt. Der Geist ist die eigentliche Gabe Gottes- Mit ihm wird uns gegeben was immer wir brauchen. Und darum brauchen wir letztlich um nichts anderes beten als um den Heiligen Geist, Das zu erfassen, bedeutet Weisheit.

    ... Gast, der Herz und Sinn erfreut, köstlich Labsal in der Not, in der Unrast schenkst du Ruh, hauchst in Hitze Kühlung zu, spendest Trost in Leid und Tod.... Ohne dein lebendig Wehn kann im Menschen nichts bestehn, kann nichts heil sein noch gesund. Was befleckt ist, wasche rein, Dürrem gieße Leben ein, heile du, wo Krankheit quält. Wärme du, was kalt und hart, löse, was in sich erstarrt lenke, was den Weg verfehlt.... Gotteslob 244

    Der Geist Gottes will wirken durch uns. Darum nennt Jesus sehr konkret, wie er durch uns wirkt und wozu er uns befähigt. "Welchen ihr die Sünden vergebt, denen sind sie vergeben". Es gilt vor Gott, wenn wir vergeben. Denn es ist seine Kraft, die in uns wirkt. Wir dürfen diese Aussage Jesu nicht einengen auf die sakramentale Vollmacht der Priester. überall wo Menschen einander vergeben, ist es Gottes Geist, der dazu befähigt. Von göttlicher Art ist, wer dem anderen einen neuen Anfang schenkt, wer ihn nicht festlegt auf das Vorgefallene. Und nur so ist menschliches Leben erträglich. Wenn wir uns gegenseitig auf das festlegen, was wir uns vorwerfen können, nehmen wir uns gegenseitig die Luft zum Schnaufen. Und darum gilt leider auch: Wenn wir einander nicht vergeben, bleiben wir in den Fesseln des Bösen. Da scheint selbst Gott machtlos. Und das Leben wird zur Hölle. Der Geist Gottes, der durch den Menschen wirken will, gibt dem andern seine Würde, gibt ihm seine Würde zurück. Vergebung aus der Kraft des göttlichen Geistes besteht nun freilich nicht darin, Verbrechen gegen die Menschenwürde, Folter, Vergewaltigung, politischen Mord ungesühnt zu lassen. Immer wieder machen sich tapfere Menschen zur Stimme für die Entwürdigten und werden deswegen zu Märtyrern. Wo gedemütigt wird, werden die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens zerstört. Menschliche Tragödien, politische Katastrophen sind vorprogrammiert. Der Geist Gottes ist jene Kraft, die es möglich macht, daß unser Leben gelingt. Nur der vom Geist erfasste, der göttliche Mensch ist wirklich Mensch. Er findet Zukunft und er schenkt Zukunft, zuletzt auch denen, die geistlos und kurzsichtig Zukunft untergraben.

    Pfingsten war ursprünglich das Fest der ersten Getreideernte, der Gerstenernte. Pfingsten ist auch bei uns Christen noch ein Erntefest. Wir sehen die Frucht, die erwachsen ist aus dem Leben und Sterben Christ. Menschen, die erfüllt sind von seinem Geist, sind neue, starke, mutige Menschen. Wir hoffen, daß sie ein neues Klima auf der Erde schaffen, eine Atmosphäre , in der der verkrümmte Mensch sich aufrichten kann, eine Luft in der wir atmen können in Freiheit und Würde. Sie sind nicht nur überzeugte und feurige Menschen, sie sind auch demütig. Sie vereinnahmen Gottes Geist nicht für sich, sondern spüren ihn überall, wo das Geschaffene zu vollerem Leben drängt, in jeder Kreatur und in jeder Kultur. Wir ernten die erste Frucht. Der Geist Gottes ist noch nicht am Ende mit seinem Brüten und der neue, göttliche Mensch, der christusförmige ist nur selten ganz großartig vorzufinden, aber ganz häufig in großartigen Ansätzen. Auch das ist eine Gabe des Geistes: Erkennen und Anerkennen, was er gewirkt.

    04. August 2002
    18. Sonntag im Jahreskreis
    Portiunkula

    Wer mit katholischen Traditionen vertraut ist, kennt den Portlunkula-Ablaß. Portiunkula bedeutet kleiner Flecken oder Parcelle, eine Bezeichnung für ein Stück Land in der Ebene unterhalb von Assisi, auf dem der heilige Franz mit seinen Gefährten lebte. Eine kleine Feldkapelle, Maria der Königin der Engel geweiht, hat Franziskus mit eigenen Händen wieder hergerichtet. Eigentümer waren die Benediktiner. Sie haben den ersten Franziskanern Portiunkula gegen eine symbolische Jahrespacht von einem Körbchen Fische überlassen.

    Hier hatte der junge Orden seinen Mittelpunkt, hier traf er sich zu den Mattenkapiteln. Hierher kehrte auch Franziskus immer wieder zurück. Er verstand sich als Pilger und Fremdling ohne festes Zuhause. Aber dieser Ort war ihm Heimat. So sehr er betonte, seine Brüder sollten sich an nichts binden, von Portiunkula sagte er, wenn jemand sie hinten hinaustreibe, sollten sie vorne wieder hereinkommen. Es war der Ort, an dem er wohl etwas ähnliches empfunden hat wie der biblische Jakob auf seiner Flucht . Hier ist der Ort, wo sich der Himmel geöffnet hat, wo Engel auf- und niedersteigen.

    Seine eigene Erfahrung wollte Franziskus weitergeben. Er wünschte, daß alle, die nach Portiunkula kämen, unmittelbar erfahren dürften, was er an diesem Ort erkannt hat. Franziskus war kein gelehrter Theologe, aber die Geheimnisse des Glaubens hat er sehr tief erfasst. Franziskus hat zwar getan, was nach damaligem Verständnis eines vollkommenen Ablasses würdig war. Er hat eine Pilgerfahrt ins Heilige Land unternommen, er hat sein ganzes Hab und Gut hergeschenkt. Vielleicht hat er gerade auch deswegen gewußt, wie fragwürdig die Forderung nach solchen Leistungen sein kann. Er hat erkannt, daß nicht unsere Leistungen uns einen gnädigen Gott bewirken. Er hat gewußt, daß uns Gott gnädig ist vor und unabhängig von unseren Werken. Darum hat er die Lehre vom Ablaß nicht theologisch kritisiert sondern sehr schlicht unterlaufen. Jeder der an diesen Ort kommt und sich der Barmherzigkeit Gottes öffnet, darf wissen, daß ihm nichts nachgetragen wird.

    Der Papst hat ihm diesen seinen "Ablaß" bestätigt und die Kirche war weise genug zu erkennen, daß "Portiunkula" überall sein kann. Wir müssen nicht nach Italien fahren, um das zu finden. Jede Kirche kann so ein Ort der Gnade sein.

    Und ganz unabhängig von kirchlichen Regelungen, es ist wichtig, daß ich den Ort finde, wo ich mich zuhause weiß, wo ich hingehen kann, wenn ich den inneren Frieden suche, wo ich auftanken kann. Wo ist mein Portiunkula, wo erlebe ich, daß Engel auf- und niedersteigen? Wo ist jener Ort, wo ich Ruhe finde und Trost? Eigentlich ist dieser Ort jener Zufluchtsort, den Jesus benennt: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch Ruhe verschaffen. Dieser Ort ist im Herzen Jesu. Dieses Herz ist die Mitte der Schöpfung.

    Ich finde diese Mitte dort, wo das Herz der Schöpfung für mich schlägt. Es ist kein bestimmter Ort, aber jeder Ort kann es sein. Ich wünsche einem jeden, diesen Ort für sich zu finden.

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